Rafael Horzon: Das weisse Buch

23 Sep

„Daher sollte jeder Mensch auch das Anrecht auf den gleichen Grad an Schönheit haben.“


Vor wenigen Tagen lag es im Briefkasten: Das Rezensionsexemplar von Rafael Horzons „Das weisse Buch“. Weiß ist es in der Tat, wie ihr sehen könnt. Mit folgendem Klappentext will nova suhrkamp uns das Werk schmackhaft machen:

„Rafael Horzon – Möbelmagnat, Originalgenie und Apfelkuchentycoon. Als Student und Paketfahrer gescheitert, baute er über Jahre hinweg das modocom-Imperium auf: Modelabel, Partnertrennungsagentur, Nachtklub, Fachgeschäft für Apfelkuchenhandel – eine bahnbrechende Idee jagte die nächste, und jedes Projekt sorgte für enormes Aufsehen: Mit einem Föhn begeisterte er die Kunstwelt, mit der Kopfkrawatte revolutionierte er die Welt der Mode und schaffte es, mit der Erfindung des perfekten Buchregals einen schwedischen Möbeldiscounter vollständig vom Markt zu verdrängen. Auf dem Höhepunkt seines an Ereignissen nicht armen Lebens hält er inne und blickt zurück. Und siehe da: Horzon erweist sich auch noch als überaus charmanter und intelligenter Erzähler seiner selbst.“

Mein erster Gedankenwar: Rafael wer? Eine derartige Berühmtheit müsste einem doch irgendwo schon einmal untergekommen sein – ich hatte jedenfalls noch nie im Leben von ihm gehört. Schwere Bildungslücke. Man könnte auch sagen: Ich ging sehr unvoreingenommen an dieses Buch heran. Wäre der Autor Dieter Bohlen gewesen, hätte ich es vermutlich gleich in die Ecke geworfen…so tat ich es halt erst 200 Seiten später.

Worum geht’s? Eine sehr gute Frage! Das Problem ist: Ich weiß es immer noch nicht so genau. Es soll ja Leser geben, die dieses Werk als eine einzige große Gesellschaftskritik verstehen, ein Epos nahezu weltverändernden Ausmaßes mit Wahrheiten, die das Leben des Einzelnen völlig auf den Kopf stellen. Gut, das klappte bei mir jetzt weniger. Horzon schildert nämlich einfach nur einen Haufen verrückter Episoden, die angeblich natürlich alle genau so stattgefunden haben. Lauter Menschen ohne erkennbare Jobs erleben die ausgefallensten, kuriosesten, witzigsten Sachen, sind ungeheuer kreativ und machen damit auch noch Unmengen an Geld. Das könnte alles ganz unterhaltsam sein, wenn es nicht derart unglaubwürdig erzählt werden würde.  Falls Horzon tatsächlich mit diesem Buch irgendeine Art von Provokation darzustellen glaubt, zerstört er sie jedenfalls sehr schnell selbst wieder, indem alles unnötig übertrieben und in bewusst locker-flockiger, nichtssagender Sprache präsentiert wird. Es erinnert in einigen Teilen sehr an Benjamin v. Stuckrad-Barre, nur weichgespülter – als Leser hat man deshalb die ganze Zeit den Eindruck, der Autor würde sich köstlich über alle anderen (insbesondere die, die tatsächlich 15 Euro für 200 Seiten Märchenbuch bezahlt haben) amüsieren.

Ich empfehle daher: Wer das Buch lesen will, sollte sich auf jeden Fall vorher dieses  Interview http://stilinberlin.blogspot.com/2010/09/interview-rafael-horzon.html durchlesen, dann hat man eine ungefähre Vorstellung, wie der Stil des Buches ist.

Eine Antwort to “Rafael Horzon: Das weisse Buch”

  1. Bibliophilin September 24, 2010 um 9:29 am #

    Liebe Marie,
    vielen Dank für Deinen Kommentar auf meiner Seite!
    So habe ich auf meinem Gegenbesuch bei Dir einen neuen Bücherblog entdeckt, den ich auch gerne in Zukunft besuchen werde.
    Literarische Grüsse
    Bibliophilin

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