Jonathan Franzen: Freiheit

24 Sep

„Patty Berglund war für alle Fragen ein reicher Quell, ein sonniger Überträger soziokultureller Pollen, eine freundliche Biene.“

Wenn einem ein derartiges Kunstwerk wie „Die Korrekturen“ gelang, steht man danach als Autor ziemlich unter Druck – die Erwartungen an Jonathan Franzen waren sehr hoch, sowohl bei Kritikern als auch bei seinen Fans. Im Land der Superlative fiel die Bewertung natürlich erwartungsgemäß größtenteils sehr positiv aus: Von einem „erneuten Meisterwerk“ (NY Times), einem „großartigen amerikanischen Roman“ (Esquire) war da die Rede, Franzen wurde als „absolutes Genie“ (New York Magazine) gepriesen. Die Reaktionen des US-Publikums waren allerdings eher durchwachsen.

Patty und Walter Berglund leben als perfekte Vorzeigefamilie in St. Paul, Minnesota. Er ist ein linksliberaler Umweltaktivist, sie eine sehr attraktive  Hausfrau und ehemalige Supersportlerin. Beide wollen alles besser machen als ihre Eltern, insbesondere natürlich bei der Erziehung der beiden Kinder, Joey und Jessica. Die Tochter muss sich eher mit der Statistenrolle in diesem Roman begnügen, während der Sohn, pubertär und rebellisch, seine Zeit hauptsächlich im Bett der Nachbarstochter verbringt und sich mit aller Gewalt von seinen Eltern lösen will. Walters Studienfreund Richard, drogenabhängiger Rockmusiker mit einem Faible für schöne Frauen und wenig Ahnung, wie er in dieser Welt leben soll, strapaziert das zerbrechliche Gefüge noch zusätzlich. Klingt nicht unbedingt spannend? Stimmt.

Spannend ist Franzens neuestes Werk nicht, aber mitreißend. Bereits bei „Die Korrekturen“ fiel es schwer, das Buch zur Seite zu legen, so sehr befindet man sich in der kleinen, konstruierten Welt, so groß ist der Wunsch zu wissen, wie die Personen reagieren werden. Es geht weniger um einen konkreten Sachverhalt oder ein zu lösendes Problem, sondern viel mehr um die Beobachtung, wie oft jede dieser Personen ihre eigenen Fehler wiederholt, wie starr die Eltern in ihrem Lebenskonzept gefangen sind. Besonders beeindruckend ist in diesem Zusammenhang das Kapitel „Es wurden Fehler gemacht“, das aus der Perspektive von Patty erzählt wird. Es klingt wie das Eingeständnis eines Politikers, ein seltsam distanzierter Satz aus dem Mund einer Frau, die so gerne perfekt und individuell wäre, aber in Wahrheit nur eine Rolle spielt, die aus „Die Frauen von Stepford“ sein könnte. Insbesondere sie merkt, wie anstrengend die Anpassung an eine Nachbarschaft ist, die den amerikanischen Traum um jeden Preis leben will, wo Hausfrauen Sätze sagen wie „Ich glaube, Patty Berglund ist die beste Mutter, ich bin lediglich eine sehr gute“ und glauben, als Eltern kinderlosen Menschen überlegen zu sein. Sie ist auch diejenige, die ihre Möglichkeiten und Perspektiven nie ausschöpft, die immer wieder dieselben Fehler macht und Angst vor der Freiheit hat, sich zu entscheiden, ihrem Leben eine Wendung zu geben.

Wer Familienepen a la John Updike nicht unbedingt mag, kann vielleicht durch Franzens wundervolle Erzählsprache überzeugt werden. Es ist für mich immer wieder faszinierend, wie schön Dialoge sein können, wie poetisch Sprache zu sein vermag, ohne ins Kitschige abzudriften. Schon allein deshalb ist Franzen einer meiner absoluten Lieblingsautoren.

Franzen beendet seine Erzählung rechtzeitig, bevor seine Charaktere sich der Herausforderung des Alterns stellen müssen, der Zeit nach den Kindern. Es wäre interessant gewesen zu beobachten, wie sich die Ehe der Berglunds oder Pattys Selbstverständnis ändern, sobald Jessica und Joey selbständig sind. Vermutlich würde das Buch dann aber deprimieren, insofern eine gute Entscheidung, auch wenn die 700 Seiten leider erstaunlich schnell vorbei waren und man gerne mehr gelesen hätte. Absolut empfehlenswert – hoffen wir, dass Franzens nächstes Buch nicht erst in neun Jahren erscheint.

2 Antworten to “Jonathan Franzen: Freiheit”

  1. rotaeffchenundich September 30, 2010 um 8:50 am #

    Steht schon auf der Wunschliste. Ich bin total gespannt!

  2. TheSecretCoAuthor März 15, 2011 um 4:11 pm #

    Für mich ist es jetzt schon das beste Buch des Jahres.

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