Fernando Morais: Der Magier

2 Okt

„In den letzten zwei Tagen habe ich zwei Termine platzen lassen unter dem Vorwand, ich müsse zum Zahnarzt, um mir einen Zahn ziehen zu lassen.  Habe nicht die geringste Lust. So sieht es in mir aus. Ich schaffe es nicht einmal, diese Seiten zu schreiben, und das Jahr, von dem ich gehofft hatte, es würde besser als das letzte, hat zu dem geführt, was ich oben geschrieben habe. Ach ja: Seit mehreren Tagen habe ich nicht geduscht.“

Über 100 Millionen Menschen haben seine Bücher gelesen: Paulo Coelho ist zweifellos einer der erfolgreichsten Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Über den Mann hinter großartigen Werken wie „Der Alchimist“ und „Veronika beschließt zu sterben“ schrieb nun Fernando Morais die erste autorisierte Biographie – angesichts der 700 Seiten wird schnell klar, dass es viel zu erzählen gibt.

Das Buch beginnt im Jahr 2005 und schildert den für Coelho mittlerweile normal gewordenen Wahnsinn aus sich aneinanderreihenden Autogrammstunden, Interviews und Empfängen. Schon nach den ersten Seiten ist man beeindruckt, wie locker und freundlich er trotz dieses Trubels bleibt.

Im zweiten Kapitel steigt der Autor nun in die Kindheitsphase ein und lässt bereits dort den Leser schmunzeln, wenn er Originalbriefe des neunjährigen Jungen an seine Mutter zitiert: „Deine Liebe, die so dehnbar wie ein Kaugummi ist, aber nie zerplatzt… Möge Gott dich behüten, liebe Mama, und verzeih mir meine Fehler, denn ich bin noch so klein und verspreche, mich so bald wie möglich zu bessern.“ Paulinho, wie er genannt wird, besucht eine Jesuitenschule und entdeckt dort die Liebe zum Schreiben, als er seinen ersten Lyrikwettbewerb gewinnt. Entgegen dem Willen seiner Eltern studiert er Rechtswissenschaften, bricht ab, zieht als Hippie durch Südamerika und Europa, arbeit als Drehbuchschreiber am Theater und nimmt Drogen – Grund genug für die strengen Eltern, ihn dreimal in eine Psychiatrie einzuweisen, wo man konstatiert, dass er „aggressiv, reizbar, feindselig und politisch anderer Meinung ist.“ Elektroschocks und zahlreiche Psychopharmaka werden ihm verabreicht, bald fleht er die Eltern weinend an, ihn aus der Klinik zu holen.

Der Autor beleuchtet Coelhos politisches Engagement, seine Phase als Rockmusiker, die Experimente mit Schwarzer Magie, das Scheitern seiner ersten Ehe und die ersten Versuche einer Karriere als Schriftsteller bis schließlich zu dem Moment, wo Coelho den Autor an seinem 60. Geburtstag bittet, eine Biographie über ihn zu schreiben. Denn, so betont er, es sei doch unmöglich, in einer Autobiographie nicht automatisch die eigenen Fehler zu entschuldigen und alles, was gut war, zu überhöhen. Er wolle die Wahrheit über sich selbst erfahren, damit sie ihn befreien und verdeckte Seiten aufdecken könne.

Ein hoher Anspruch an eine Biographie, setzt er doch voraus, dass man auch mit mehr oder weniger deutlich formulierter Kritik leben muss. Natürlich hätte Morais ebenso einfach Fakten schreiben können, kühl und sachlich, ohne Wertung. Dass er es nicht tat, macht die Besonderheit dieses Buches aus – es ist nicht nur unglaublich detailliert und hervorragend recherchiert, sondern auch ehrlich. Aus über 200 Tagebüchern und 100 Tonbändern, die Coelho jahrelang in einer verschlossenen Truhe aufbewahrte, entstand so ein faszinierendes Portrait, das auch die Entstehungsgeschichte der Romane beleuchtet. So basiert beispielsweise „Veronika beschließt zu sterben“ auf den Erfahrungen, die der Brasilianer in der Psychiatrie machen musste.

Ein unbedingt lesenswertes Buch, besonders, aber nicht nur für Fans von Coelhos Werken. Ein Zeugnis für die ständige Suche dieses Mannes nach einem tieferen Sinn in seinem Leben, spannend, schockierend, wunderschön und mit der deutlichen Botschaft, dass Coelho neben all seinen unglaublichen Erfolgen oft scheiterte und große Fehler beging. Das alles macht dieses Buch so interessant, das Äußere verleiht dem Ganzen noch zusätzlichen Glanz: Ein heller Leineneinband mit Lesebändchen und edlen, dünnen Seiten. Außerdem enthält es hinten einen sehr informativen Anhang mit Namensregister, Preisauszeichnungen usw. Mit 27,90 Euro wirklich nicht billig, aber es lohnt sich absolut.

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