Judith End: „Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“

8 Okt

„Da halte ich es doch mit Theodor Adorno, der angeblich mal gefragt hat: Was nützt einem die Gesundheit, wenn man sonst ein Idiot ist? Nix, Theo. Absolut gar nix. Ich für meinen Teil bin jedenfalls tausendmal lieber brust- als hirnlos.“

Der Grund für mich, dieses Buch lesen zu wollen, war ein Artikel im Tush Magazine, den ich vor zwei Jahren las: Unter dem Titel „Mama Karzinom“ schrieb Judith End dort zum ersten Mal über ihre Krebserkrankung und die folgenden Monate der Behandlung, daneben prangte ein Foto von einer jungen Frau, die sich bewusst so fotografieren ließ, dass man die fehlende Brust sieht. Beeindruckend, dachte ich damals, ich würde mich das nie im Leben trauen.

Jetzt kann man zu Recht sagen, dass er sehr viele Bücher darüber gibt, wie Menschen sich schweren, möglicherweise tödlichen Krankheiten stellen. Für viele Betroffene ist es eine Art Katharsis, oft werden diese Bücher von Erkrankten gelesen, selten von völlig unbetroffenen Menschen – denn wer will schon freiwillig mit Gedanken an den Tod konfrontiert werden, wenn er es nicht muss?

Judith End beschreibt in tagebuchartigen Einträgen die 20 Monate, die nach der Diagnose Brustkrebs kommen: Von Operationen, Chemotherpien und Bestrahlungen, von Haushaltshilfen mit 5cm-Kunstfingernägeln und unglaublich dumm-dreisten Kurgästen, von ihrer Tochter Paula und einem toten Kaninchen, von dem Versuch eines Bikini-Kaufs und schmerzhafter Liebe. Es kommt alles vor in diesem Buch, und mehr als einmal vergisst man, dass diese Geschichte real ist, verfällt in „Hoffentlich endet es so oder so“-Denken. Sie schreibt ehrlich, verzweifelt, hoffnungsvoll, wütend, sarkastisch, traurig, ironisch, lustig und auch selbstkritisch. Beeindruckend: Ihre Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, dass sie trotz ihrer Krankheit Verantwortung für ihr Verhalten übernimmt, aber auch die unzähligen Tiefs zulässt, die zwangsläufig kommen und nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer kleinen Tochter stark belasten.

Was mir besonders gut gefiel: Judith Ends Eitelkeit, wie sie genervt ist von all denjenigen, die so tun, als sollte es einem völlig egal sein, dass man weder eine rechte Brust noch Haare auf dem Kopf hat, als wäre es doch nur oberflächlich, wenn einen von Kortison aufgeschwemmte Körperteile stören und man weint, weil keine Hose mehr passt. Sicherlich ist das von Person zu Person unterschiedlich, aber ich fand es sehr authentisch und ehrlich – genau wie den Rest des Buches. Es ist eine mutmachende Geschichte, vor allem jedoch auch ein Spiegel für jeden selbst, denn unwillkürlich überlegt man selbst, wie man mit kranken Menschen umgeht, ob nicht das eigene Verhalten und das, was man sagt, aus sicherer Distanz erfolgt.

Oft werden solche Bücher als „die Leidensgeschichte von xyz“ beschrieben, aber das trifft es nicht ganz. Denn trotz allem Leiden (und davon hat die Autorin wahrlich genug hinter sich gebracht) ist es ein lebensbejahendes Buch das zeigt, dass man dem Leben auch im größten köperlichen und seelischen Elend schöne Seiten abgewinnen kann. Ein wirklich empfehlenswertes Buch, an dem nur eins stört: Der Titel – denn der will, obwohl er ein direktes Zitat von Paula ist, nicht so recht passen, wirkt er doch ganz anders als das, was einen im Buch erwartet. Trailer und Interview zum Buch findet ihr auf den Seiten von Droemer, und in den nächsten Wochen könnt ihr in der Lovelybooks-Buchbesprechungsrunde Fragen an Judith End stellen.

 

 

 

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