Karin Slaughter: Entsetzen

17 Okt

„Abigail kauerte sich auf die Hacken und schaute den leblosen Mann vor ihr an.

Sie hatte ihn getötet.“

Der zweite Fall für Slaughters neues Ermittlerduo, Will Trent und Faith Mitchell, beschäftigt sich mit einer Frage, die sich vermutlich jeder schon einmal, rein hypothetisch, gestellt hat: Ist man in der Lage, jemanden tatsächlich zu töten?  Zu Beginn des Buches muss Abigail Campano feststellen, dass sie es kann…

Gerade von einer Tennisstunde zurückgekehrt findet Abby ihre Tochter Emma ermordet in deren Zimmer vor, der vermeintliche Täter beugt sich gerade über sie. In rasendem Zorn und Entsetzen gelingt es ihr, mit schier übermenschlichen Kräften den Mann mit bloßen Händen zu erwürgen. Doch dann stellt sich heraus, dass es sich bei dem Opfer gar nicht um Emma, sondern deren Freundin handelte und der vermeintliche Mörder ihr nur helfen wollte. Emma selbst wurde entführt; die Chancen, sie lebend zu finden, schwinden von Stunde zu Stunde.

In ihrem typischen Stil schockt Slaughter schon auf den ersten Seiten durch gezielt platische Schilderungen. Allzu deutlich wird  Abbys Tat beschrieben, wie immer gibt es viel Blut und Dramatik. Die Ausgangssituation an sich ist wirklich gut erdacht, allerdings flacht die Spannung bereits nach den ersten Kapiteln merklich ab, die Identität des Täters ahnt man bereits recht schnell. Sonst passiert bis kurz vor Ende so gut wie gar nichts: Will und Faith fahren größtenteils etwas ratlos durch die Gegend, verhören, rätseln, hoffen und beschäftigen sich nebenbei mit ihren eigenen zahlreichen Problemen.

Womit wir bei einer der größten Schwachstellen des Buches wären: Protagonisten mit Ecken und Kanten sind super. Niemand will über perfekte, schöne Leute in ihrer tollen Welt lesen. Aber man kann es auch einfach übertreiben. Nehmen wir beispielsweise Will Trent, den charismatischen, geheimnisvollen Special Agent, der nicht nur eine schlimme Kindheit im Waisenhaus hinter sich hat – wo er allen Ernstes seine heutige Verlobte Detective Angie Polanski (wahnsinnig gutaussehend, temperamentvoll, ebenfalls auf der Karriereleiter ganz weit oben) schon kennenlernte – nein, er ist auch noch mit Legasthenie und Dyslexie geschlagen. Selbstverständlich ist er aber trotzdem so ein Genie, dass er es bis ganz nach oben geschafft hat. Es gibt keinen Charakter im Buch, der einfach nur mal völlig normal ist, denn scheinbar wird „normal“ mit „langweilig“ gleichgesetzt und muss deshalb vermieden werden. Dadurch macht man es allerdings dem Leser sehr schwer, sich überhaupt mit irgendeiner Person näher identifizieren zu können.

Sprachlich ist das Buch in Ordnung, allerdings gibt es einige gravierende Fehler in der Übersetzung, beispielsweise Sätze wie „Willst du vielleicht meine Antworten […] beantworten?“ Das findet man noch ganz witzig, wenn es ein Mal vorkommt, aber irgendwann hat man dann wirklich genug von falsch übertragenen Sprichwörtern und Co. Ich weiß nicht, ob das am Übersetzer Klaus Berr oder dem Lektorat liegt; dasselbe Phänomen beobachtet man beispielsweise auch in den Kathy-Reichs-Büchern (gleicher Verlag, gleicher Übersetzer). Sie strotzen teilweise wirklich vor sprachlichen Fehlern. Das ertrage ich in einer Remittende vom Wühltisch gerne, aber nicht bei einem Hardcover für über 20 Euro.

Fazit: Enttäuschend und leider schnell langweilig, vermutlich Slaughters schwächstes Buch. Positiv zu werten ist der oft hervorblitzende, typische Humor der Autorin, der die teilweise wirklich sehr lang geratenen Passagen erträglicher macht. Und ein kleiner Spoiler für alle  Fans, die über den Tod von Jeffrey Tolliver in „Zerstört“ kaum hinwegkommen: Die immer noch am Boden zerstörte Sara trifft im nächsten Buch auf Will Trent…die Weichen für ca. 15 Folgen von „Werden sie, werden sie nicht?“ sind also gestellt😉

3 Antworten to “Karin Slaughter: Entsetzen”

  1. Sabine Oktober 18, 2010 um 7:25 am #

    Hallo!

    Mir hat schon das 1. Buch mit Will Trenton (Verstummt) nicht gefallen, also lasse ich diesem Buch besser die Finger. Und deine Bewertung hat meine Entscheidung bestätigt. DANKE!

    Sabine

  2. Schneewittchen Oktober 18, 2010 um 10:41 am #

    Hi! Gefiel es dir von den Charakteren her nicht oder eher wegen der Geschichte? Ich bin momentan nicht so sicher, ob ich mir das Neueste hole, wo Sara auf Will trifft…bin immer noch sauer, dass Jeffrey weg ist😀

    Liebe Grüße!

  3. Melanie Oktober 24, 2010 um 10:52 am #

    Ich hab das Buch bisher nicht gelesen, war aber bei der Lesung von Karin Slaughter hier in Ahlen, das war recht vielversprechend. Ich bin gespannt, glaube aber, daß kein Buch schlechter als „Unverstanden“ von Karin Slaughter sein kann. ;o)
    Liebe Grüße
    Melanie

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