Kate Mosse: Wintergeister

21 Okt

„Ich erinnere mich noch an das Gefühl, von dem ich erfasst wurde – dass alles möglich war, eine Art Leichtigkeit. Plötzlich schien jede Sehne, jeder Muskel, jede Ader in meinem Körper zu vibrieren, zu erwachen. Falls ich den Mut fände zu reden, würde sie zuhören. Fabrissa würde zuhören.“

Ganz überraschend fand ich vor wenigen Tagen Kate Mosses neues Buch „Wintergeister“ in meinem Briefkasten, da ich von DroemerKnaur zum Testleser ausgewählt worden war. Zum Glück, muss man sagen, denn im Buchladen hätte ich diese kleine, feine  Novelle  garantiert übersehen…

Man schreibt das Jahr 1928, als sich der junge Frederick Watson auf den Weg nach Frankreich macht, um dort Freunde zu besuchen. Seit zehn Jahren kann er den Verlust des älteren Bruders, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist, nicht verwinden, quält sich mit Depressionen und verbringt mehr Zeit in Sanatorien als zuhause. Er will einfach nur vergessen, sich ablenken, vorsichtig versuchen, in sein Leben zurückfinden.

Auf dem Weg durch die Pyrenäen gerät er mitten in einen Schneesturm und verunglückt. Leicht verletzt macht er sich auf den Weg ins nächste kleine Dorf. Dort angekommen findet er in einer Pension Unterschlupf. Die Wirtin lädt ihn ein, an der „Fête de Saint-Étienne“ teilzunehmen, wo er Fabrissa kennenlernt. Auch sie hat Verluste erlitten und ermutigt ihn, seine Geschichte zu erzählen. Am nächsten Tag ist die geheimnisvolle, junge Frau verschwunden – und niemand außer Freddie kann sich erinnern, sie überhaupt gesehen zu haben…

Was sich wie ein typischer Liebesroman anhört, ist in Wahrheit eine wirklich bezaubernde Geschichte über einen völlig orientierungslosen, hilflosen Mann, der zum ersten Mal aus seinem eigenen Elend heraustritt. Die Begegnung mit Fabrissa und ihre eigenen traurigen Erlebnisse lassen ihn von sich selbst wegsehen. Er will ihr Geheimnis erfahren, er will ihr helfen – und hilft doch dabei in erster Linie sich selbst, innerlich wieder zu erwachen.

Es ist eine leise Geschichte, die Kate Mosse geschrieben hat. Vor der Kulisse eines malerischen, verschneiten Dorfes schildert sie langsam, aber sehr intensiv Freddies Begegnung mit Fabrissa. Sie lässt den Leser tief in die Seele ihres Protagonisten schauen; teilweise so tief, dass man beinahe selber ein bisschen seines Schmerzes zu spüren meint. Die Grenzen zwischen real und surreal verschwimmen, aber es sorgt nicht für Verwirrung, im Gegenteil: Auf wundersame Weise will man es gar nicht genauer wissen.

Zum Lesegenuss trägt außerdem das Äußere des Buches ganz wesentlich bei. Auf dem Bild kann man es schlecht erkennen, aber die Schneeverwehungen und Tannenbäume sind leicht silbern aufgedruckt, zwischen den schweren, dicken Seiten liegt ein eisgraues Lesebändchen, die Kapitelüberschriften sind schön gestaltet – so macht Lesen einfach doppelt Freude.

Ein wirklich besonderer Roman, berührend, wunderbar und leider viel zu schnell zu Ende…

 

Ich danke DroemerKnaur für dieses Rezensionsexemplar. „Wintergeister“ erscheint am 2. November.

Eine Antwort to “Kate Mosse: Wintergeister”

  1. Nicole Oktober 22, 2010 um 2:31 pm #

    Hey,
    die Rezension ist super schön! Wie es aussieht, habe ich ein neues Büchlein auf meinem Wunschzettel.
    LG Nicole

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