„Sag doch mal was auf Russisch!“

22 Okt

Genau diese Überschrift einer Kolumne in der Süddeutschen verführte mich dazu, Max Scharniggs „Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden“ zu kaufen – ist es doch genau der Satz, den ich selber schon unzählige Male gehört habe. Die Beschreibung des Autors darüber, was dann passiert, kommt mir ebenfalls sehr bekannt vor:

„Für gewöhnlich weigert und windet sich der Polyglotte dann aber erstmal ein paar Minuten lang, bis er schließlich doch etwas auf Russisch sagt, meistens so etwas, das „Prost!“ heißt oder „Gute Besserung“ oder einen anderen Satz von dieser Güteklasse, wie sie auch in jedem Reiseführer auf der ersten Seite stehen. Kaum sind die fremdländischen Silben verklungen, ist allen Beteiligten leider fürchterlich langweilig. Es ist genau das eingetreten, wovor der Bedrängte Angst hatte, nämlich dass diese kleine Sprachshow überhaupt nichts erwirkt hat: keine Hochachtung, keinen Gefallen und noch nicht einmal irgendeinen Sinn, weil es ja keiner verstanden hat. Alle nicken nur vage anerkennend und drucksen so rum und dann kommt hoffentlich bald ein anderes Thema und lässt sich in der Mitte nieder. Ein Großteil dieses Misserfolgs liegt leider auch beim Fremdsprechenden selber, weil er nie einen guten Satz für diese absehbare Gelegenheit parat hat, sondern eben nur Banalitäten zur Aufführung bringt, wie „Bitte alle aussteigen.“ oder „Eins, zwei und drei“. Da denkt das Publikum freilich gleich, der hat in Indien oder Finnland aber auch gar nichts Besonderes erlebt und fragt sich, ob das Ausland an diese Person nicht doch ein wenig verschwendet war. Deswegen sollte man mindestens die ersten vier Zeilen eines saftigen Nationalepos rezitieren können oder aber gleich einen Satz nur für diese Situation einstudieren. Zum Beispiel: „Die Liebe meines Lebens traf ich an einem lichten Julitag gegen halb sechs Uhr abends. Sie saß auf einem strohblonden Esel und duftete nach Jasmin und Coca-Cola!“. Das bekannt tönende Wort Coca-Cola am Schluss ist ein perfekter Cliffhanger für die neugierige Runde. „

Gut, Coca-Cola ist auf Russisch kein Problem…aber bis ich „Я встречал любовь моей жизни в светлый день июля около 5.30 часы вечера. Она сидела на осле цвета соломы и пахла жасмином и кока-колой!“ so rezitieren kann, dass es nicht gelernt, sondern unglaublich sprachgewandt klingt, spricht wahrscheinlich schon die halbe Welt Russisch. Leider muss ich gestehen, andere bedauernswerte Partygäste auch schon mit diesem „Sag doch mal was!“-Satz gequält zu haben. Meistens tatsächlich dann, wenn einem überhaupt nichts anderes mehr einfällt. Der kommunikative Rettungsanker sozusagen, ungefähr so kreativ und gesprächsfördernd wie „Und, was hörst du so für Musik?“

Diesen und 99 andere weitere Sätze, mit denen man problemlos durch die Welt kommt, findet ihr in diesem kleinen Buch. Bei nahezu jedem davon stellt man fest, dass man ihn in schöner Regelmäßigkeit verwendet oder von anderen hört:

  • „Bitte lösch das!“
  • „Dieses Jahr schenken wir uns aber nichts!“
  • „Das habe ich auch, das ist doch von IKEA, oder?“
  • „Als Kind war ich voll blond.“
  • „Ich bin noch gar nicht in Weihnachtsstimmung.“

Kennt ihr? Dann werdet ihr euch sicher über die kurzen Kolumnen dazu amüsieren und euch vielleicht daran erinnern, dass eine zeitlang „Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden“ zum täglichen Schulalltag gehörte, wenn man wieder mal nicht zugehört hatte und die Frage folglich völlig an einem vorbeigegangen war. Ein kurzweiliges, witziges Buch, aus dem auch bestens bei der nächsten Party was vorlesen kann – bevor man anfängt, nach der Suaheli-Übersetzung für „strohblonder Esel“ zu suchen.

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