Ivonne Hübner: Im Land der Sümpfe

24 Okt

„Es war gar nicht so schwer, sich zu verleumden. Erik war wütend auf die Schwäche seiner Geburt, auf die Makel, die die Christen ihm und seinem Volk andichteten und auf sich, der gezwungen war, seine Leute und sich selbst zu verraten.“

Erik gehört zum Volk der Wenden. Kurz vor seiner Hochzeit mit Fjäder wird seine heile Welt zerstört, denn Albrecht I von Brandenburg und sein Gefolge wollen in einem blutigen Kreuzzug die Wenden christianisieren. Fjäder landet im Kloster, wo sie einen Sohn zur Welt bringt und aufzieht. Erik hingegen kommt als Sklave nach Magdeburg. Beide glauben fest daran, dass der andere noch lebt und suchen einander…

„Im Land der Sümpfe“ ist nach „Teufelsfarbe“ Ivonne Hübners zweiter Roman. Er reizte mich besonders aufgrund der Thematik, denn über die Wenden gibt es so gut wie keine belletristische Literatur, jedenfalls nicht im deutschen Sprachraum. Für die meisten ist bereits der Begriff „Wenden“ völlig unbekannt; heutzutage nennt man diese Stämme meistens „Elbslawen“. Durchaus also ein Thema, wo einem Autor unzählige Möglichkeiten offenstehen.

Positiv an diesem Roman war für mich, dass er relativ nüchtern bleibt. Bei  Liebesgeschichten besteht ja generell die Gefahr der Schmonzette – zu viel Kitsch, zu wenig Realität. Das ist hier absolut kein Problem, allerdings bietet sich ja auch kaum Gelegenheit, weil Fjäder und Erik die meiste Zeit getrennt sind. So bleibt der Autorin genug Raum, um die historischen Geschehnisse zu betrachten. Das tut sie sehr ausführlich und detailliert – oft ist es leider zuviel des Guten. Ich bin generell ein sehr großer Freund gut recherchierter, historischer Bücher. Nichts ist schlimmer als Fehler, die sofort offensichtlich sind, oder Halbwissen, das nur notdürftig kaschiert wird. Aber: Ich möchte in einem Roman, der in erster Linie meiner Unterhaltung dient, eigentlich keine regelmäßig auftauchenden Fußnoten haben. Die meisten davon betrafen Übersetzungen slawischer Unterhaltungen oder Ausdrücke. Natürlich verleiht das dem ganzen Projekt Authentizität, aber das wäre auch anders möglich. Es stört den Lesefluss doch erheblich und macht das Buch viel wissenschaftlicher, als ein Roman eigentlich sein sollte.

Schwierig war für mich besonders der Anfang. Unzählige Figuren tauchen auf, die ganzen Familien werden akribisch aufgelistet, man verliert teilweise völlig den Überblick. Schön hingegen ist, dass die meisten Charaktere wirklich gut beschrieben werden, egal, wie unbedeutend sie für den Verlauf der Geschichte sind. Die Personen wirken dadurch alle sehr lebendig und echt, eine große Leistung angesichts dieser Vielfalt. Aber genau diese Detailverliebtheit wird eben bei historischen Dingen wieder zum Problem: Für jemanden, der nicht in der Materie steht, ist es sehr anstrengend, diese Fülle von Informationen zu verwerten. Insofern ist das Buch auch ein ganzes Stück Arbeit.

Ein weiterer negativer Punkt ist in meinen Augen die wirklich extrem einseitige, positive Darstellung der Wenden – der Böse ist in dieser Geschichte sehr schnell ausgemacht, es gibt nur Schwarz und Weiß. Das ist natürlich das Vorrecht eines Romans, niemand erwartet eine historische Abhandlung anhand von Chroniken, aber mir war es dann doch etwas sehr rosarot. So ist es beispielsweise Fakt, dass die slawischen Herrscher größtenteils bereits zu diesem Zeitpunkt Christen und nicht unbedingt nur dem Frieden zugetan waren.

Trotz allem ein gutes Buch für Leute, die an Geschichte und Hintergründen eines wenig bekannten Themas interessiert sind. Wer eine unterhaltsame Liebesgeschichte erwartet, dürfte allerdings eher enttäuscht werden, denn die spielt wirklich eher eine nebensächliche Rolle.

 



 

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