John Madison: Nothing for ungood

3 Nov

„Unsere Vorstellung, man solle im Sommer in Flip-Flops, Shorts und T-Shirt herumlaufen, ist den Deutschen völlig fremd; sie verlassen das Haus nie ohne Hose und Jackett. Vielleicht ist dies eine Nebenwirkung des Umstands, dass viele Deutsche so schlimme Kreislaufprobleme haben und sich deshalb an solchen Tagen krankmelden müssen.“

John Madison, der Autor, rühmt sich der Tatsache, ganze 9% (!) seines Lebens in Deutschland verbracht zu haben – ein wahrer Experter deutscher Lebensart also. Nun kennen ja die meisten von uns diese Bücher, die ein Land und die liebenswerten Marotten seiner Einwohner augenzwinkernd auf die Schippe nehmen. Leider möchte man bei diesem Buch eher die Schippe nutzen, um es zu vergraben…Jedes Völkchen hat damit zu kämpfen, dass man ihm gewisse Eigenschaften anhängt: Die Italiener können nur schreiend eine Meinungsverschiedenheit klären, die Franzosen sprechen keine Fremdsprachen, die Deutschen sind immer pünktlich. Nicht selten steckt ein Fünkchen Wahrheit darin, von nichts kommt schließlich nichts. So ist es auch zu erklären, dass sich Bücher wie „My dear Krauts“ oder „Elchtest“ großer Beliebtheit erfreuen. Es kann ganz lustig sein, die eigene Welt einmal durch die Augen eines Ausländers zu betrachten. Oder eben auch nicht – nämlich dann, wenn der Autor nur bemüht ist, den eigenen „way of life“ in den Himmel zu loben und sich über die anderen einfach nur mal richtig lustig zu machen.

Es gibt ja Leute, die der Ansicht sind, dieses Buch nehme den amerikanischen Größenwahn, das „wir sind die Besten, Tollsten und machen alles richtig“ auf’s Korn. Den Eindruck teile ich nicht, denn dafür betont Madison ein bisschen zu oft, wie doof alles bei uns ist – angefangen von der Sprache (unlernbar) über die Getränkeauswahl (zu klein) bis hin zum Wetter (generell verregnet). Weitere Stereotypen sind:

  • Deutsche Kinder dürfen alles. Sie haben bei Schulveranstaltungen keine Anstandsdamen dabei und lesen heimlich Bravo. Außerdem benutzen sie öffentliche Verkehrsmittel, ohne ihre Eltern dabeizuhaben.
  • Deutsche hassen Bequemlichkeit. 100% aller Amerikaner haben begriffen, wie genial eine Klimaanlage ist, aber Deutsche, diese ignoranten Energiesparer, schwitzen lieber und schalten sogar bei Nichtbenutzung den Fernseher aus. Sie begreifen auch schier nicht, dass wirklich jeder Weg mit dem Auto zu erledigen ist – warum sollte man 100 Meter zur nächsten Bank laufen?
  • Der einzige Grund, warum unsere Zeitungen und TV-Sender Auslandskorrespondenten beschäftigen, ist so simpel, dass wir uns fragen müssen, warum wir es noch nicht selber gemerkt haben: Im eigenen Land passiert einfach nichts. Deswegen klauen wir hemmungslos Schlagzeilen bei anderen Ländern. Mit irgendwas muss man ja 15 Minuten Nachrichten vollkriegen.

In diesem Stil geht es weiter. Wir machen eigentlich alles falsch, was man nur falschmachen kann – falsche Klamotten, falsches Essen, falsches Englisch. Zigarettenautomaten sind böse, aber wo bitte sind die frei verkäuflichen 100er Packung Aspirin bei Rewe an der Kasse? Es ist einfach nicht witzig. Natürlich denkt man bei einigen Dingen: „Ja, stimmt eigentlich“, aber meistens regt man sich nur auf, wie hemmungslos da jemand das eigene Land in den Himmel hebt, indem er ein anderes niedermacht. Witzig, ironisch oder sarkastisch ist daran nichts, es sind nur stumpfe Plattitüden. Schade, es klang lustig und wurde sogar von der Spiegel Online-Redaktion empfohlen (hier muss ich doch wirklich fragen: Warum? Gibt es so wenige lesenswerte Bücher?).

Einziger Lichtblick sind die witzigen Fußnoten der Übersetzerin, die wahrscheinlich selber gelitten hat und nicht kommentarlos sowas in die Welt lassen wollte.

3 Antworten to “John Madison: Nothing for ungood”

  1. Ailis November 3, 2010 um 10:26 am #

    Meine Güte, das klingt ja wirklich schrecklich! Solche Bücher mag ich auch nicht. Da fragt man sich doch, wie groß die Selbstzweifel des Autors sein müssen, dass er sein Land so übersteigert in den Himmel loben muss – vielleicht will er sich ja nur selbst überzeugen.😉

  2. Schneewittchen November 3, 2010 um 10:47 am #

    Er will uns doch nur einen Gefallen tun, damit wir endlich das wahre Leben kennenlernen können😉

    • Cornelia März 2, 2011 um 10:33 pm #

      Ich lese das Buch gerade. Ich finde, die Ironie kommt nicht so ganz rüber. Ich selbst schreibe in meinem Blog „Hallo-Amerika“ u.a. über „amerikanische Seltsamkeiten aus deutscher Perspektive“ … worüber sich zwar noch kein Amerikaner aufgeregt hat, jedoch sehr viele Deutsche, die die USA zu ihrer Wahlheimat erkoren haben und dabei versuchen, amerikanischer zu sein als die Amerikaner selbst und nichts über das Land kommen lassen!

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