Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf

4 Nov

„Als wir nun endlich mit unserem amerikanischen Wagen einfahren, einem tiefbraunen Chevrolet, schokoladenfarben, könnte man sagen, brennt die Sonne unbarmherzig auf die Kleinstadt, hat die Sonne die Schatten der Häuser und Bäume beinahe restlos aufgefressen, zur Mittagszeit also fahren wir ein, recken unsere Hälse, um zu sehen, ob alles noch da ist, ob alles noch so ist wie im letzten Sommer und all die Jahre zuvor.“

Melinda wer? fragten sich die meisten, als der Deutsche Buchpreis an sie verliehen wurde.  Wie spricht man denn diesen Namen? Wo kommt sie überhaupt her? Wer hat von ihr schon mal was gelesen? Die wenigsten kannten die ungarisch-schweizerische Autorin oder gar ihren Roman „Tauben fliegen auf“. Ich hatte das große Glück, ihn bei einem Wettbewerb rund um die Frankfurter Buchmesse zu gewinnen und musste feststellen: Eine Auszeichnung dieser Größenordnung garantiert nicht gleichzeitig für ein sprachlich toll zu lesendes Buch.

Familie Kocsis hat es scheinbar geschafft: Sie, die Angehörigen der ungarischen Minderheit in Serbien, sind in die Schweiz emigriert, haben sich hochgearbeitet, besitzen schließlich ein Café und ein amerikanisches Auto, schaffen es sogar, eingebürgert zu werden. Trotzdem gehören sie nicht wirklich dazu – Heimat ist eben nicht das, wohin es einen irgendwann verschlägt, egal, wie sehr man sich durch das Erlernen von Sprache und Kultur auch zu assimilieren vermag.

Erzählt wird die Geschichte von Ildiko, einer der beiden Töchter. Sie schlägt einen Bogen, zurück zu ihrem Großvater, der in einem Arbeitslager der Nazis landet, bis zu den gegenwärtigen Besuchen bei der Familie in der Provinz Vojvodina. Ganz deutlich wird dabei, dass insbesondere Ildiko und Nomi, die Schwester, in einer zweigeteilten Welt leben – auf der einen Seite sehen sie sich als Schweizerinnen, gehören aber trotzdem auch in dieses kleine, ungarische Dorf mitten in Serbien, das vom Krieg gebeutelt wird. Eine schwierige Identitätssuche für die beiden Mädchen, die nicht recht wissen, wie sie eine neue Kultur annehmen können, ohne die alte zu verlieren, die überall nicht wirklich dazugehören und früh erfahren müssen, dass man es auch als „erfolgreich Integrierter“ noch lange nicht geschafft hat.

Sprachlich war „Tauben fliegen auf“ für mich etwas schwierig. Wie man bereits am ersten Absatz des Buches, dem Zitat oben, sehen kann, ziehen sich die Sätze dahin wie kleine Tausendfüßler, gehen teilweise über 12 Zeilen. Das machte es etwas anstrengend auf Dauer, hat aber auch einen gewissen Charme.  Die Zeitsprünge hingegen sind kein Problem, sondern absolut nachvollziehbar und passend eingegliedert.

Ich wollte dieses Buch unbedingt lesen, denn meine Familie kommt aus Ungarn, meine Großeltern sahen sich mit den gleichen Problemen konfroniert: In Ungarn eine nicht wirklich akzeptierte Minderheit, in Deutschland auch nach 50 Jahren noch „die Ungarn“. Und auch Ildiko und Nomi kommen vom Regen in die Traufe – in Serbien Minderheit, in der Schweiz Ausländer. Ein Gewinn? Man weiß es nicht, man hofft am Ende dieses schönen Buches nur, dass die beiden Mädchen einen Weg finden, ohne ihre Herkunft komplett verleugnen zu müssen. So, wie Melinda Nadj Abonji es geschafft hat und ihre Rede beim Buchpreis mit ungarischen Grüßen an die Familie beendete. In diesem Sinne: Nézek továbbítják a következő könyv! Und falls euch mal jemand fragt: Nagy Abonyi Melinda, wie der Ungar sagen würde, spricht man keinesfalls „Natsch Abonschi“ aus, sondern „Noh-tch Ó-bon-ji“😉

 

4 Antworten to “Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf”

  1. wolfgang winter Dezember 29, 2010 um 1:09 am #

    Die historischen Hintergründe sind viel komplexer: Papuci wollte wohl bis Endes des II. Weltkriegs nicht mit dem mit Hitlerdeutschland verbündeten ungarischen Regime kooperieren (das die Vojvodina wieder nach Ungarn „heimgeholt“ hatte) , in das Arbeitslager von Pozarevac wurde er aber nach dem II. Weltkrieg von den Tito-Kommunisten gesteckt und dann enteignet. Es ist bemerkenswert, wie sehr Nagy Abonyi Melinda bemüht ist, die histo-rischen Antagonismen der Nationalitäten in dieser Ecke Europas zu negieren (z.B. keinerlei „positiver“ Irridentismus der ungarischen Minorität in Jugoslawien/Serbien). Eine europäische Leistung! Und so einfühlsam !

  2. Andrea März 29, 2011 um 3:40 pm #

    Hier ist auch eine sehr schöne Besprechung dieses Buches. Ich glaube, ich werde es mir kaufen.http://karinkoller.wordpress.com/2011/03/25/melinda-nadj-abonji-tauben-fliegen-auf/

  3. Veress Éva-Mária Mai 17, 2011 um 3:56 pm #

    Kedves Abonyi Nagy Melinda,
    erdélyi magyar vagyok… Németországban élek.
    Nagyon tetszett a könyve amit németül olvastam.
    ( Tauben fliegen auf )
    Még nem olvastam ilyen jellegü könyvet, annyira
    igaz minden ami benne van.
    Szivböl gratulálok és minden ismerösömnek ajánlom
    a könyvét.
    Igaz szeretettel kivánok sok eröt , további regényeihez.

    Minden jót.
    Veress Éva-Mária

  4. Sanja Oktober 6, 2011 um 5:16 pm #

    Ich bin ziemlich enttäuscht von diesem Buch. Besonders was das Geschichtliche betrifft. Die Serben, der Kommunismus und Tito werden so schlecht dargestellt, was ich absolut nicht nachvollziehen kann. Wenn man sich nämlich genau informiert, merkt man auch, dass das meiste gar nicht so ist.
    Kein Wunder hat sie dafür einen Preis bekommen.

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