Kirsten Marohn: Lappalie

5 Nov

„Es gab sie nachwievor. Die glücklichen Momente, in denen sie sich einbildete, dass alles in Ordnung war war, dass jene Dinge, die damals in der Silvesternacht in der Einbauküche der Bolgers geschehen waren, längst der Vergangenheit angehörten, einer Vergangenheit, über die man hinwegkommen konnte, wenn man sie nur konsequent totschwieg. Das ging.“

Seit Jahren verschweigt Jasmin, Ehefrau des erfolgreichen Schmonzetten-Autors Henrik Bolger, ihrem Mann, dass sein Vater sie vergewaltigt hat. Nie scheint der Augenblick zu passen, nie findet sie die richtigen Worte, nie hat Henrik Zeit. Aber muss man ihm überhaupt davon erzählen? Ist diese einmalige Sache nicht eine Lappalie – und Jasmin vielleicht sogar ein bisschen selber schuld?

Jasmin besitzt scheinbar alles: toller Mann, netter Schwager, gute Freundin. Trotzdem hat sie keinem erzählt, dass sie in dieser verhängnisvollen Silvesternacht von Richard Bolger vergewaltigt wurde. Seit Jahren leidet die Beziehung zu ihrem Mann merklich darunter, der sich mittlerweile mit anderen Frauen darüber hinwegtröstet, dass seine Frau scheinbar völlig grundlos auf Distanz geht. Jasmin findet immer neue Gründe, Henrik nichts davon zu erzählen und lässt so ihre Ehe langsam, aber sicher zerbröckeln.

Prinzipiell ist „Lappalie“ ein sehr authentischer, lebensnaher Roman mit realistischen Charakteren und glaubhaften Problemen. Auf gerade einmal 200 Seiten erfährt der Leser viel aus Jasmins Leben, lernt ihre Gedanken und Hoffnungen kennen. Allerdings gibt es im Plot selbst einige Schwachstellen, deren Motivation sich mir nicht ganz erschloss: Ganz offensichtlich, das erfährt man auch bereits im Klappentext, ist Henriks Bruder Sven seit 12 Jahren in Jasmin verliebt. Er ist ein, wie die Autorin es nennt, „Gentleman der alten Schule“, das ganze Gegenteil seines Bruders, der einem eher wie der Hugh Hefner der Groschenromane vorkommt. Der Leser sieht sich also mit zwei Personen konfrontiert, die sich beide sehr mögen, und fragt sich unwillkürlich, warum Jasmin überhaupt Henrik geheiratet hat. Dafür lassen sich sicherlich Gründe finden, schwieriger wird es aber bei der Frage, warum Richard Bulger plötzlich ein Geständnis verfasst – und es nicht Jasmins Ehemann gibt, sondern Sohn Nummer 2, Sven. An dieser Stelle fehlt einfach das Motiv, das dieser Handlung zugrunde liegt. Sicherlich muss irgendjemand an irgendeiner Stelle von der Vergewaltigung erfahren, um den Spannungsbogen Richtung Höhepunkt zu bewegen, aber das war einfach zu überraschend und unlogisch.

Sprachlich leidet besonders der Anfang des Buches unter zu langen Dialogen, die sich wirklich hinziehen und die Handlung nicht voranbringen; das Gespräch mit Lisa beispielsweise dauert 19 Seiten. Unwillkürlich musste ich dabei an ein Kapitel in Elizabeth Georges „Wort für Wort“ denken, wo sie die „Geschwätzvermeidungsstrategie“ vorstellt, um genau solche Situationen zu vermeiden. Im Laufe des Buches bessert sich das allerdings merklich, die Gespräche werden knapper und gezielter, einfach effektiver.

Ein sehr ruhiger, leider etwas vorhersehbarer Roman, der viel Stoff zum Nachdenken bietet.

 

Danke an Kleinbrinas Bücherblog, bei dem ich dieses Buch gewonnen habe.

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