Fay Weldon: Spa Geflüster

12 Nov

„Die nächsten zehn Tage würden voll von Geschichten sein. Mein wahres Leben machte Pause, andere Leben schienen es eilig zu haben, diese Lücke zu füllen. Die, die ich jetzt zu hören bekam, die schreckliche Geschichte vom Rabenaas, hatte sich in den vergangenen Monaten Stückchen für Stückchen entwickelt, eine Fortsetzung folgte der anderen. Das Drama spielte sich sowohl zeitlich wie räumlich in sicherer Entfernung ab, heute aber sollte es beunruhigend nahe kommen und schrecklich real werden.“

Phoebe Fox, erfolgreiche Schriftstellerin in den besten Jahren, braucht dringend eine Alternative für Weihnachten: Kinder und Enkelkinder sind ganz froh, wenn sie nicht vorbeikommt, der Ehemann hat die Wohnung geflutet und muss zu seiner kranken Mutter fliegen – wohin nun also? Die Lösung: Ein paar Tage im legendären Castle Spa, um „den Abenteuern des neuen Jahres inspiriert und rundum erneuert“ entgegenzutreten.Phoebe macht sich also auf den Weg in den Nordwesten Englands, um für 5000 Pfund endlich richtig zu entspannen. Gemeinsam mit einem Dutzend anderer Frauen will sie 10 Tage mit Packungen, Massagen und Chakren-Reinigung verbringen. Da es sonst in dieser Umgebung (malerisch, wie das Spa-Personal betont, aber abgelegen und im Winter wenig reizvoll) nicht viel zu tun gibt, beginnen sie zu reden…

Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut, versprach es doch kurzweilige, aber nicht zu seichte Unterhaltung – Fay Weldon ist schließlich für ihren bissigen, lässigen Schreibstil bekannt. Der Anfang war verheißungsvoll; Phoebe sitzt bei ihrer Stammfriseurin und lässt den Leser am letzten Drama in ihrem Bekanntenkreis teilhaben. Bitterböse, scharf beobachtend und mit spitzen Kommentaren schildert sie Personen und Ereignisse. Ab dem Moment aber, wo Phoebe nun im Spa ankommt und den ersten langweiligen Abend hinter sich gebracht hat, wird es merklich langweiliger: Nun beginnt der Teil, wo jede der Frauen ihre Geschichte erzählt. Verknüpft sind diese Monologe durch die immer dazwischen aufgenommene Rahmenhandlung im Hotel, eigentlich sind es also 12 einzelne Erzählungen.

Genau dort liegt die Schwachstelle des Romans. Ausführlich wird nun über Kindheitserlebnisse, Rache und sogar Mord geplaudert. Es ist nicht nur äußerst unwahrscheinlich, dass man wildfremden Personen mit einer Algenpackung im Gesicht von den dunkelsten Geheimnissen und charakterlichen Abgründen erzählt, nein, es dauert auch einfach zu lange. 12 Protagonisten, denen gleich viel Raum zugestanden wird, sind schlicht zu viele. Ganz abgesehen davon ist es dem Leser nahezu unmöglich, sich mit den Personen zu identifizieren. Weldon scheint dies auch nicht zu wollen, sonst hätte sie kein Buch über Gehirnchirurginnen, Richterinnen und Drehbuchautorinnen geschrieben, sondern über Kindergärtnerinnen, Bäckereifachverkäuferinnen und Krankenschwestern. Die Probleme dieser Frauen lassen einen größtenteils unberührt, sind oft bizarr und seltsam, pauschalisiert wird ebenfalls sehr gerne (insbesondere beim allgegenwärtigen Thema Männer).

Sprachlich gefiel es mir wirklich sehr gut, Fay Weldons Stil trifft meinen Geschmack absolut. In dieser Hinsicht ist das Buch von Anfang bis Ende durchgängig hervorragend geschrieben. Leider hatte ich mir den Inhalt bzw. die Durchführung dieser „Gesprächsrunden“ völlig anders vorgestellt, deswegen war der Roman für mich persönlich größtenteils eher enttäuschend.

Ich danke dtv für dieses Rezensionsexemplar!

 

 

 

3 Antworten to “Fay Weldon: Spa Geflüster”

  1. Ailis November 12, 2010 um 12:37 pm #

    Mit diesem Buch habe ich eine Weile geliebäugelt, bin nun aber doch froh, es gelassen zu haben. Ich glaube, inhaltlich wäre das schon nicht so mein Fall.🙂

  2. Schneewittchen November 12, 2010 um 1:22 pm #

    Du kannst es gerne mal haben – zusammen mit „Liebste Tess“😀 Reingucken tut ja nicht weh und vielleicht gefällt es dir ja wider Erwarten😉

  3. Svenja November 12, 2010 um 8:19 pm #

    Hallo,

    die Leseprobe fand ich eigentlich ganz unterhaltsam.
    Gut, dass ich nun über Deine Rezension gestolpert bin, denn in der Leseprobe war natürlich nur der Anfang abgebildet, den Du auch noch gelobt hast.
    Vermutlich wäre es für mich eine Enttäuschung geworden, die folgenden Kapitel zu lesen …

    Lieben Gruß,
    Svenja

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: