Rosamund Lupton: Liebste Tess

16 Nov

„Der Kameramann mit den Chrysanthemen hat mir erzählt, dass heute Abend in den Zehn-Uhr-Nachrichten ein „Sonderbeitrag“ über unsere Geschichte kommt. Gerade habe ich Mum angerufen, um es ihr zu erzählen. Ich glaube, auf eine seltsame, für sie typische Art ist sie irgendwie stolz darauf, dass Du so viel Aufmerksamkeit bekommst. Und es wird wohl noch mehr.“

Mit „Liebste Tess“ beginnt der Brief, den Beatrice Hemming an ihre fünf Jahre jüngere, ermordete Schwester schreibt. Wütend darüber, dass die Polizei Tess‘ Tod als Selbstmord einstufen will, beginnt sie mit ihren eigenen Ermittlungen…

Beatrice und Tess könnten nicht verschiedener sein: Bee, erfolgreiche Karrierefrau, lebt  mit ihrem Verlobten in New York, Tess, schwangere Kunststudentin, ist im fernen London. Trotz des Altersunterschiedes von über fünf Jahren und der großen räumlichen Trennung sind sich die Schwestern sehr nahe, und so glaubt Beatrice auch keinen Moment an die absurde Selbstmord-Theorie der Polizei, als Tess  im Hyde-Park gefunden wird. Schließlich, so der ermittelnde Beamte, habe Tess wenige Tage zuvor ein totes Kind zu Welt gebracht, niemand könne ermessen, in welch tiefe Depressionen sie das gestürzt habe.

Durch die Briefform gelingt es Rosamund Lupton, ein sehr vielschichtiges Bild der beiden Schwestern zu zeichnen, von ihrer frühesten Kindheit bis zum Tag ihres letzten Gesprächs. Es wird klar, warum Beatrice nicht an einen Selbstmord glauben kann und sich selbst auf die Suche nach den wahren Hintergründen macht. Tatsächlich stößt sie schnell auf Unstimmigkeiten und auch Verdächtige gibt es nicht zu knapp: der Stalker, der seine Wohnung mit unzähligen Fotos von Tess tapezierte, ihr verheirateter Professor, mit dem sie eine Affäre hatte, ein anonymer Anrufer, der sie belästigte. Beatrice zieht in Tess‘ Londoner Wohnung und taucht immer tiefer in das Leben ihrer jüngeren Schwester ein – aber sie unterschätzt die Gefahr, in die sie sich selbst damit begibt.

Bis zum Ende bleibt dieser Krimi spannend. Der Leser fiebert mit Beatrice mit, hält mehr als einmal den Atem an. Die Figuren sind lebendig und realistisch, sind nicht nur Mittel zum Zweck. Immer wieder werden Dialoge aus der Vergangenheit eingestreut, eMails zwischen den beiden Schwestern eingebunden – und es funktioniert wunderbar. „Liebste Tess“ ist eines dieser Bücher, das man gar nicht aus der Hand legen möchte. Man kann nur hoffen, dass Rosamund Lupton weiter schreiben wird, denn so einen gelungenen Erstlingsroman trifft man wirklich sehr, sehr selten.

Ich danke Hoffmann und Campe für dieses Rezensionsexemplar!

 

 

2 Antworten to “Rosamund Lupton: Liebste Tess”

  1. Fiona November 26, 2010 um 10:28 pm #

    Ich bin auf Anraten von Ailias zu dieser Rezension gekommen, da ich das Buch auf ihrem Blog entdeckt hatte und nach dieser tollen Rezension ist meine Neugier nun noch mehr geweckt! Wirklich toll gelungen!

  2. Nina [libromanie] Januar 6, 2011 um 9:56 am #

    Nur gut, dass ich das Hörbuch schon auf dem Abspielgerät (Wenn ich immer iPhone sage, klingt das blöd, oder?) habe. Nach deiner Rezension habe ich jetzt nämlich richtig Lust darauf. Erst höre ich noch Flavia zuende, dann kommt Tess an die Reihe.

    Liebe Grüße,
    Nina

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