Graham Swift: Im Labyrinth der Nacht

15 Dez

„In dieser Nacht vor dem Tag, der unser aller Leben verändern wird, bin ich die Einzige, die wachliegt. Ihr schlaft den tiefen Schlaf der Teenager. Ich kann mich noch vage daran erinnern. Wie ihr wohl morgen schlafen werdet?“

Graham Swift hat ja bekanntermaßen ein Faible für Geschichten, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielen oder darauf Bezug nehmen. So auch hier: Paula, die Erzählerin, wurde 1945 geboren und taucht nun in einem langen Monolog tief in die Vergangenheit ein…

Während ihr Mann und die 16jährigen Zwillinge Nick und Kate tief schlafen, liegt Paula wach und bereitet sich innerlich auf den morgigen Tag vor. Es ist beschlossene Sache, den Kindern das wohlgehütete, dunkle Familiengeheimnis endlich zu offenbaren. Die ganze Nacht lang grübelt Paula nun, erzählt von den Geschehnissen, verteidigt, erklärt. Unwissend und ängstlich, wie die beiden die Wahrheit aufnehmen werden – und ob es nicht besser wäre, die unausgesprochenen Lügen aufrecht zu erhalten. Schließlich schaden sie ja niemandem, im Gegenteil…

Der Anfang des Buches ist durchaus so gestaltet, dass man neugierig wird. Man überlegt und rätselt, worin dieses Geheimnis wohl besteht, wenn es Paula den Schlaf raubt und sie derart in Angst versetzt.  So, wie sie es beschreibt,  hat es die Kraft, die Familie völlig zu erschüttern, ihr Glück zu zerstören. Leider muss ich sagen: Meine persönlichen Szenarien, die mir bis zur Auflösung so in den Sinn kamen, waren allesamt spannender als die tatsächliche Wahrheit. Man kann sich eines enttäuschten „Was, das war’s jetzt?“ nicht erwehren. Wohlgemerkt hat man da erst die Hälfte des Buches gelesen. Am Ende setzt Swift noch einmal nach, aber auch das kann weder schockieren noch passt es in den Handlungsverlauf.

Über 300 Seiten spricht Paula. Schmachtet, jammert, bittet, erklärt, wiederholt sich. Letzteres leider so oft, dass man es irgendwann nicht mehr hören kann. Die stete Ansprache an die Kinder („Bitte versteht doch…es ist jetzt an euch…ihr müsst es ihm nachsehen…“) ist nach wenigen Kapiteln völlig ausgereizt, da ja nie etwas zurückkommt. Das richtige Wort für Paulas Erzählstil wäre vermutlich „ausschweifend“. Es ist für die Geschichte völlig irrelevant, dass der Onkel ihres Ehemannes nicht gerne Fahrrad fuhr und mit 57 beim Spaziergang mit dem Hund einfach tot umfiel. Aber über solche familiären, unwichtigen Dinge spricht Paula seitenlang, ergeht sich in Berichte darüber, dass ihr Liebesleben nach dem Verschwinden der Katze brach lag (!) oder wie sich ihre Schwiegereltern kennenlernten. Natürlich machen solche Anekdoten und Details eine Geschichte interessant, aber nicht, wenn sie dazu dienen, den recht dürftigen Plot zu kaschieren und die Auflösung eines recht schwachen Geheimnisses künstlich in die Länge zu ziehen. Kate und Nick wären vermutlich nach den ersten 20 Seiten gegangen…

Ein für mich wirklich sehr enttäuschendes Buch, denn nach „Waterland“ war ich wirklich von Swift begeistert. Aber „Im Labyrinth der Nacht“ kann absolut nicht überzeugen, nach wenigen Kapiteln hat man Paulas Monolog einfach satt und kann diese dramatischen Beschreibungen nicht mehr hören, geschweige denn das allgegenwärtige „aber / bis / ab morgen…“ Der Titel allerdings passt – ein Erinnerungslabyrinth, in dem Paula an jeder Stelle mehrfach vorbeikommt und am Ende leider kein Ausgang wartet. Schade.

Ich danke dtv für dieses Rezensionsexemplar!

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