Lauren Oliver: Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

15 Dez

„Um ehrlich zu sein, fand ich schon immer, dass diese ganze Sache mit dem letzten Augenblick und dem gedanklichen Schnelldurchlauf durchs Leben ziemlich furchtbar klang. Ich zum Beispiel würde liebend gerne die komplette fünfte Klasse vergessen (die Brillen- und Rosa-Zahnspangen-Phase). Ich muss allerdings zugeben, dass es mir nichts ausgemacht hätte, meine strahlendsten Sternstunden noch mal zu erleben.“

Das Buch mit dem wohl längsten Titel aller Zeiten! Meine liebe Kollegin („Es gibt in der Jugendliteratur nicht nur Vampir-Kram!“) lieh mir diesen Roman und ich las ihn an zwei Abenden durch. Sie hatte den Umschlag entfernt und sagte auch nichts weiter zum Inhalt, so dass ich nach den ersten Seite dachte: Na danke. Ein Werk wie „Beverly Hills 90210“, nur mit kaltem Nieselregen statt kalifornischem Sonnenschein…

Samantha Kingston ist das typische Highschool-Starlet: Angesagte Clique, gutaussehend, toller Freund. Zusammen mit ihren Freundinnen Lindsay, Elody und Ally genießt sie die Freuden des unbeschwerten, sorgenfreien Lebens in der Abschlussklasse. Probleme? Nicht existent, wenn man mal von der Frage absieht, wieviele sogenannte Velogramme, von Freunden gekaufte Rosen, sie am Valentinstag bekommt – untrüglicher Indikator dafür, wie angesagt und bedeutend man wirklich ist. Dieser 14. Februar wird jedoch weniger schön als angenommen, denn am Ende einer Party wird Sam tot sein. Zu ihrer Verwunderung wacht sie von diesem Moment  an sechsmal am exakt gleichen Tag auf. Jedes Mal beginnt er gleich, jedes Mal verändert sie den Ablauf und merkt schnell, dass scheinbar winzige, marginale Entscheidungen alles verändern können. Endlich kann sie alles tun, was sie will, denn es hat ja keine längerfristigen Konsequenzen. Sam versucht nun alles, um diesen täglich-grüßt-das-Murmeltier-Effekt zu durchbrechen und weiterzuleben. Bis sie irgendwann merkt, dass es gar nicht so sehr um sie selbst geht…

Der erste Tag in Sams Leben bringt einen fast dazu, das Buch wieder zur Seite zu legen. Sie ist, milde formuliert, ein egozentrisches Biest und lästert hauptsächlich mit ihren Freundinnen über weniger beliebte Schüler, erlaubt sich alles und hat scheinbar noch nie Konsequenzen für ihr Verhalten tragen müssen. Doch die Tatsache, dass sie nun in einer Zeitschleife festhängt, bringt Sam unfreiwillig zum Nachdenken. Wie weit kann sie gehen? Was ist wirklich wichtig in ihrem relativ oberflächlichen Leben? Woran erkennt man echte Freunde? Man kann förmlich zusehen, wie sich ihr Charakter Tag für Tag verändert, wie sie zum ersten Mal begreift, dass ihre Taten verheerende Auswirkungen haben können und man sich nicht für immer hinter überheblichem, kühlem Desinteresse verstecken kann.

Die 450 Seiten flogen nur so dahin, was hauptsächlich am lockeren, jugendlichen Schreibstil der Autorin liegt. Trotzdem ist dieses Buch sprachlich nicht derart unterentwickelt, wie es leider mittlerweile viele Jugendromane sind (Subjekt, Objekt, Prädikat, fertig). Schön fand ich besonders, wie überrascht Sam selbst von ihren Entdeckungen, ihrer veränderten Sichtweise, ihren Erkenntnissen ist. Dinge, wo man vielleicht mit der Arroganz des Erwachsenen sagen würde: „Mädchen, das war doch wohl offensichtlich!“ Aber bei genauerem Hinschauen dürfte jeder von uns sich selbst an der einen oder anderen Stelle wiedererkennen😉 Leider ist das Ende meiner Ansicht nach nicht so gut gelungen, aber das ist Geschmackssache – meine Kollegin fand es super. Schlussendlich das Fazit: Empfehlenswert. Man sollte sich natürlich im Klaren sein, dass es in erster Linie ein Jugendbuch ist – aber eines der anspruchsvolleren Sorte.

Ich danke der netten Kollegin, dass sie mir sofort nach dem Fertiglesen ihr Buch ausgeliehen hat, obwohl es noch fünf andere wollten😉

Eine Antwort to “Lauren Oliver: Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie”

  1. irina Dezember 22, 2010 um 9:26 pm #

    Dieses Buch steht ganz oben auf meiner Wunschliste – und nach deiner Besprechung erst recht! Bislang ist es mir noch zu teuer, aber irgendwann werd ichs schon gebraucht kriegen!🙂

    Übrigens find ich das Cover total super! Da hat Carlsen wirklich Mut bewiesen und voll ins Schwarze getroffen.

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