Massimo Ciancimino: Don Vito

29 Dez

„Das vorliegende Buch stützt sich auf direkte Bekenntnisse, aber auch auf eine verstreute Aktenlage, die bei mehreren Staatsanwaltschaften gesichtet wurde. Wertvolle Bestätigungen lieferte Massimos Bruder Giovanni, ein präzises und akribisches Gedächtnis bezüglich Massimos Verstrickungen in die Machenschaften seines Vaters. Dieses Buch ist ein großes Fresko der sizilianischen und der italienischen Realität, die bekanntlich mitunter die schlimmsten Befürchtungen übertrifft.“

Massimo Ciancimino ist der Sohn des ehemaligen Bürgermeisters von Palermo und Consigliere der Corleoner Mafia, Vito Ciancimino. 2008 entschloss er sich, der Cosa Nostra den Rücken zu kehren und vor Gericht als Kronzeuge für die Staatsanwalt auszusagen. Zusammen mit Francesco La Licata schrieb er „Don Vito“ – die Motive für dieses Buch sind allerdings zweifelhafter Natur.

Die Aussagen Cianciminos sorgten für ausreichend Wirbel in Italien, bestätigten sie doch beispielsweise, dass Silvio Berlusconis Partei Forza Italia (heute Popolo della Libertà) mit Hilfe der Mafia gegründet wurde. Wie kaum ein anderer hatte Massimo Einblick in die Aktivitäten seines Vaters, übernahm nach dessen Tod die Geschäfte. Bereits sein Vater träumte davon, ein Buch zu veröffentlichen – mit dem klangvollen Titel „Das Buch der Wahrheit“. Nun stellt sich bereits zu Beginn die Frage, warum Ciancimino überhaupt zu La Licata, einem bekannten Journalisten und Autoren, ging,  um mit ihm gemeinsam dieses Buch zu schreiben. La Licata selbst sagt dazu, der Sohn Don Vitos habe sich bei ihm gemeldet, da er aufgrund einer Verhaftung befürchtete, seine Familiengeschichte könne ihm zum Nachteil ausgelegt werden. Mit diesem Wissen ausgestattet liest sich das Buch gleich völlig anders, denn man kommt nicht umhin sich zu fragen, was Ciancimino überhaupt damit bezweckt.

Der Inhalt ist, wie erwartet, teilweise hoch brisant. Die geschilderten Ereignisse sind für unser Demokratie- und Politikverständnis mitunter völlig unglaublich, obwohl man glaubte, spätestens seit Mario Puzos „Der Pate“ könne man in Bezug auf die Mafia nicht mehr überrascht werden. Man muss Ciancimino anrechnen, dass er die Grenzen seiner Erinnerung kennt und zugibt, gewisse Dinge nicht mehr exakt zu wissen oder Inhalte wichtiger Gespräch gar nicht gehört zu haben.  Schwierig ist meines Erachtens nach die Zweiteilung – Erinnerungen von Massimo selbst und die seines Bruders Giovanni. Es ergibt sich kein gleichmäßiger Lesefluss, man bleibt hängen, schaut zurück. Zwölf Kapitel mit jeweils sechs, sieben Untertiteln erinnern eher an ein Lehr- oder Sachbuch als an eine zusammenhängende Geschichte, was es dem Leser etwas schwer macht.

Spannend ist „Don Vito“ auf jeden Fall, viele Bilder ergänzen die Berichte und runden das Ganze ab. Nicht vergessen sollte man allerdings, dass hier ein höchst subjektives Buch entstanden ist. Da Massimo Ciancimino auch selbst mit einer Haftstrafe rechnen muss stellt sich die Frage, wie viele seiner eigenen Taten hier geschönt oder weggelassen wurden. Erwähnenswert ist schlussendlich noch, dass er selbst seit dem August 2010 schweigt – sein Sohn Vito Andrea, gerade einmal fünf Jahre alt, erhielt eine unmissverständliche Drohung.

Ich danke Piper für dieses Rezensionsexemplar!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: