Hilary Mantel: Wölfe

4 Jan

„Er ärgert sich über die Tatsache, dass er zu jenen hochgewachsenen Männern gehört, deren Größe nicht viel aussagt, weil nichts dahintersteckt, und er ärgert sich über das Wissen, dass, wenn sie in einer dunklen Nacht aufeinanderträfen, Master Thos. Cromwell derjenige wäre, der davonkäme, sich die Hände säubern und dabei lächeln würde.“

England, 1520: Thomas Cromwell ist als Berater des Königs am Ziel seiner kühnsten Träume angelangt. Aber Heinrich VIII, bestrebt, seine Ehe wegen der junge, schönen Anne Boleyns annullieren zu lassen, stürzt mit seinen Heiratsabsichten das katholische Europa in eine tiefe Krise. Cromwells große Stunde ist gekommen…

Das Leben am Hof von Heinrich VIII ist eines der beliebtesten Themen in Literatur und Film. Serien wie „The Tudors“ verzeichnen grandiose Einschaltquoten, unzählige Bücher  wurden über den Herrscher mitsamt seinen sechs Frauen geschrieben. Die meisten davon beschreiben Heinrich natürlich schon als hart und gefährlich, kommen aber nicht von einer gewissen Romantisierung hinweg. Ganz abgesehen davon, dass er natürlich immer wahnsinnig gut aussieht😉 Die Rollen sind meist klar verteilt: Attraktiver, grausamer König, böser Thomas Cromwell, guter, katholischer Thomas Morus.

Hilary Mantel hat sich dem Thema nun anders angenähert, indem sie ganz bewusst an der Stelle einsteigt, wo Cromwell noch ein totaler Niemand ist. Vom Vater ständig halbtot geprügelt, beschließt er, von zuhause zu fliehen. Bereits hier sind dem Sohn eines Bierbrauers die Sympathien des Lesers sicher. Ihm fehlt gänzlich das Elitäre, die natürliche Anmut der durch Geburt Privilegierten, weswegen, so die These der Autorin, er per se als Bedrohung, als unpassender Emporkömmling dargestellt wurde. Überhaupt scheint hier alles durcheinander zu sein: Anne Boleyn ist nicht mehr das unschuldige, nette Mädchen, sondern wird als machthungrige Diva interpretiert. Der Lordkanzler, mächtigster Mann im Reich und eigentlich nur auf seinen Vorteil bedacht, wirkt nett und zuvorkommend. Thomas Morus, bekannt als gottestreuer Mann der Prinzipien, scheint in „Wölfe“ nur ein permanent schlecht gelaunter, scheinheiliger Politiker zu sein, dem auffällig wenig an seinen Mitmenschen liegt. Spätestens an diesem Punkt wird es für Leser, die sich in der Geschichte Englands besser auskennen, etwas irritierend – aber schließlich wollte Hilary Mantel keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, sondern einen Roman.

Verfasst hat sie ihn im Präsens, was den Zugang sehr erleichert und ein lebendiges Bild vom Leben am Hof zeichnet. Unglücklicherweise leidet das Buch etwas darunter, dass ungeheuer komplexe Vorgänge in knapp 800 Seiten gepresst wurden. Einige Figuren werden nur schemenhaft beleuchtet, was sehr schade ist, da Charakterisierungen eine große Stärke der Autorin sind. Über die Darstellung bestimmter Ereignisse und Personen kann man nun streiten. Mir persönlich war es streckenweise zu konstruiert; man merkt deutlich, dass oft die Perspektive extrem einseitig gewählt wurde, um eben den gewünschten „neuen“ Charakter zu legitimieren. Das ist bei einem Roman natürlich in Ordnung, stört aber, wenn man sich sehr gut in diesem Thema auskennt, ein bisschen den Lesegenuss.

Alles in allem ein wirklich faszinierender Roman und eine Glanzleistung der Autorin, die es schaffte, die bekannten Charaktere völlig neu zu interpretieren. Allerdings auch ein nicht leicht zu lesendes Buch, das dem Leser aufgrund vieler Zeitsprünge, Auslassungen und fehlenden Namen – beispielsweise beständiges „er“, wenn Cromwell gemeint ist – hohe Konzentration abverlangt. Wer einen herausfordernden, anspruchsvollen historischen Roman sucht, ist mit „Wölfe“ bestens beraten.

 

3 Antworten to “Hilary Mantel: Wölfe”

  1. Grete_o_Grete Januar 4, 2011 um 2:33 pm #

    Hast du ihn also doch noch gelesen, sehr schön😉.

  2. Schneewittchen Januar 4, 2011 um 2:44 pm #

    Ja, aber es war zugegebenermaßen anstrengend😉 Aber das scheint wohl Voraussetzung für den Booker-Preis zu sein, die letzten Preisträger schrieben ähnlich😀

    • ruedigerhajo Januar 20, 2011 um 1:56 pm #

      Da außer The White Tiger alle Booker-Preis Bücher die ich gelesen habe schon älter sind, kann ich zwar nicht wirklich mitreden, aber auf The White Tiger trifft anstrengend meiner Meinung nach nicht zu. Wolf Hall war aber zum Teil wirklich Arbeit.

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