Harry Bernstein: Gegenüber die andere Welt

5 Jan

„Eigentlich war es ein Miniaturghetto, denn zwischen beiden Straßenseiten stand eine unsichtbare Mauer. Obwohl die Etfernung von der einen Seite zur anderen nur wenige Meter betrug – schließlich waren die Straßen hier schmal -, war die soziale Distanz in Meilen zu messen. Nur ganz selten ging man mal auf die andere Seite,, und so gut wie nie gab es engere Kontakte.“

Vor einigen Wochen fragte Ailis nach Empfehlungen für Bücher, die man  Weihnachten verschenken oder, noch besser, selber lesen sollte. Neben einigen bekannteren Sachen, wie beispielsweise das grandiose „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen oder „Little Children“ von Tom Perrotta, schlug ich ihr damals auch „Gegenüber die andere Welt“ von Harry Bernstein vor. Es ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher und leider relativ unbekannt. Das ändere ich hiermit😉

Harry Bernstein, geboren 1910, wächst mit seinen vier Geschwistern in Stockport, einer englischen Industriestadt in Lancashire, auf. Die Straße, in der er lebt, ist eine ganze besondere: Auf der einen Seite leben Juden, auf der anderen Christen. Die jüdische Bevölkerung wird geduldet, aber von Freundschaft zwischen Nachbarn kann hier wahrlich keine Rede sein. Als Harry vier ist, verliebt sich seine große Schwester Lily in Arthur Forshaw – aber der wohnt auf der gegenüberliegenden, der „falschen“ Straßenseite. Den beiden bleibt nur die Möglichkeit, mit Harry als Briefboten heimlich zu kommunizieren. Eines Tages wird das Geheimnis jedoch gelüftet…

Es klingt wie ein Roman, was der fast 100jährige Autor erzählt. Er beschreibt in ruhigen, aber bildhaften Worten seine schwierige Kindheit mit einem alkohlabhängigen Vater, sich ständig streitenden Geschwistern, einer kämpferischen, aber erschöpften Mutter. Seine Schilderungen erinnern an Charles Dickens‘ „Oliver Twist“; vor dem Auge des Lesers entsteht die Kulisse einer dreckigen, armen Stadt in den Zeiten des ersten Weltkrieges. Bernstein verfällt aber nicht, wie es oft im Nachhinein passiert, in melancholische Sentimentalitäten, sondern schreibt die Gefühle und Empfindungen des kleinen Jungen auf, der er damals war. Was ist wichtig? Genau, Süßigkeiten, Spiele auf der Straße, Rivalitäten zwischen Geschwistern, Schlägereien mit seinen Mitschülern. Sein kleiner Mikrokosmos spiegelt die politischen und sozialen Probleme der damaligen Zeit wieder, beschreibt die normalen Probleme und Freuden eines kleinen Jungen, zeigt, wie Menschen innerhalb von Krisen aufeinander zugehen können.

Ein Buch, dass man nicht beiseite legen möchte, weil es so einfach, schön und ehrlich ist. Kein Rührstück, dass gezielt Emotionen heraufbeschwören will, sondern die schlichte Beschreibung einer Kindheit. Leider ist es beispielsweise bei Amazon nur noch gebraucht zu kaufen, aber es lohnt sich auf jeden Fall, eine etwas längere Suche in Kauf zu nehmen😉 Übrigens findet ihr in der New York Times einen interessanten Artikel über Bernstein und die beiden Bücher, die diesem hier folgten.

Eine Antwort to “Harry Bernstein: Gegenüber die andere Welt”

  1. Ailis Januar 5, 2011 um 11:21 am #

    Das steht dank dir auch schon eine Weile auf meinem Wunschzettel. Aber wenn es autobiographisch ist, könnte ich es ja vielleicht für die Challenge lesen… Das lasse ich mir mal durch den Kopf gehen!😀

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