Alexandra Senfft: Fremder Feind, so nah

11 Jan

„In einem Dialog geht es zwar darum, Brücken zu bauen, aber das heißt nicht, dass die eine oder andere Seite ihre Ansichten aufgeben muss. Ich frage mich, was Yudit wirklich dazu bewegt, das Wagnis einzugehen, von ihren Nachbarn angefeindet zu werden, weil sie mit Palästinensern spricht. Nicht wenige Radikale in Israel vertreten die Meinung, den Arabern gebühre der Tod. So wie viele Islamisten dem Staat Israel das Ende wünschen.“

Yudit ist Teilnehmerin einer Dialoggruppe aus Palästinensern und Israelis, ins Leben gerufen von Hanan Ohana. Er selbst ist ein ehemaliger israelischer Offizier und einer der sechzehn engagierten Leute die Alexandra Senfft, Islamwissenschaftlerin und früher Nahostreferentin, für ihr Buch getroffen hat.

Vor einiger Zeit korrigierte ich für einen Freund dessen Doktorarbeit mit dem griffigen Titel „Opferperspektiven im interkulturellen Vergleich – eine viktimologische Untersuchung im Kontext der Al-Aqsa-Intifada“. Obwohl es eine echte Herausforderung war, wochenlang juristische Fachtermini und Statistikauswertungen zu lesen, lohnte sich die Arbeit. Durch seine Kontakte las ich nicht nur Berichte beider Perspektiven, sondern konnte tatsächlich auch einige seiner Interviewpartner kennenlernen. Eine spannende Sache, schließlich stammte mein ganzes Wissen bis dahin aus Büchern, Nachrichten oder Dokumentationen.

Fast ist man versucht zu sagen: „Fremder Feind, so nah“ ist die Fortsetzung, beschäftigt es sich doch mit Menschen, die ganz bewusst auf den Feind zugehen. Da sind zum Beispiel Khaled Abu Awwad und Rami Elhanan. Khaled verlor seinen Sohn im Krieg, Ramis Tochter wurde von einem Palästinenser ermordet. Beide verbindet eine tiefe Freundschaft, denn beide sind sich einig, dass der einzige Weg, mit Wut und Trauer abzuschließen, im Dialog miteinander liegt. Vergeltung wäre einfacher, wie sie wissen. Aber was hätten sie damit erreicht?

Judah Passow begleitete Alexandra Senfft zu ihren Interview, die an allen möglichen Orten stattfanden;  in Café, Beduinenzelt, der Großstadt, dem kleinen Dorf. Er fotografierte die Protagonisten und macht damit ihre Geschichte noch lebendiger, zugänglicher. Es ist spannend, wie sehr sich die Erzähler jemandem öffnen, dessen Großvater ebenfalls „der Feind“ war: Senfft ist die Enkelin von Hanns Ludin, der als Gesandter des Deutschen Reiches für den Tod von über 60.000 slowakischen Juden verantwortlich ist und 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Allen Teilnehmern war dies bekannt, trotzdem, oder vielleicht genau deshalb, entstanden verblüffend tiefgehende, ehrliche Gespräche.

Es ist ein mutmachendes Buch, das eindrucksvoll die Sehnsucht nach Frieden dokumentiert, aber auch kritisch ist. Senfft kommentiert die Erzählungen, ohne ihre eigene Meinung in den Vordergrund zu rücken. Es bleibt dem Leser selbst überlassen, ob ihm Yudits großer Optimismus doch zu fantastisch vorkommt oder ob Amira Hass Recht hat, wenn sie „Frieden“ und „Versöhnung“ für sinnentleerte Begriffe erklärt. Ein lesenswerter, beeindruckender Bericht von Menschen, die nicht den einfachen Weg wählen.

 

4 Antworten to “Alexandra Senfft: Fremder Feind, so nah”

  1. Charlene Januar 12, 2011 um 7:44 am #

    Es gibt ja viele solcher Projekte und Bücher. Daer finde ich es immer schwer eine Auswahl zu treffen. Du solltest häufiger solche Titel rezensieren! Obwohl das natürlcih eine sehr subjektive Aussage ist, da ich ja „vorbelastet“ bin.

    Der neue Look gefällt mir übrigens sehr gut🙂
    Liebe Grüße
    Charlene

    • Marie Januar 12, 2011 um 9:17 am #

      Danke, das freut mich (beides😀 ). Als ich gestern auf „Theme aktivieren“ klickte, war dann erstmal die Hälfte weg…ich bin hier wie Rumpelstilzchen rumgehüpft! Der Typ vom Support hat wahrscheinlich angesichts der simplen Lösung die Augen verdreht und gedacht: Frauen! Können nicht mal ein Theme korrekt darstellen, wenn es rosa ist😀

      • Ailis Januar 12, 2011 um 11:09 am #

        Kam jetzt die Musik von dir? Ich bin verwirrt! Hier hat was gedudelt!

  2. Marie Januar 12, 2011 um 11:34 am #

    Ja, die kam von mir😀 Hab mal ausprobiert, ob man sowas einbauen kann. Klappt. Jetzt muss ich es nur noch so hinkriegen, dass man es lediglich beim Betreten der Seite hört und nicht bei jedem Klick neu. Wenn ich mich allerdings dabei so anstelle wie gestern beim Theme-Wechsel, stehen euch harte Zeiten bevor😀

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