William Thackeray: Vanity Fair

12 Jan

„Warm schien an einem hellen Junimorgen, da unser Jahrhundert noch jung war, die Sonne, als eine behäbige Familienkutsche langsam vor dem mächtigen eisernen Gittertor von Miss Pinkertons Erziehungsinstituts für junge Damen an der Mall in Chiswick vorbeifuhr; sie war mit zwei wohlgenährten Pferden in glitzerndem Geschirr bespannt, und auf dem Bock saß ein ebenso wohlgenährter Kutscher in Dreispitz und Perücke.“

Teil 1 der Challenge – und höchstwahrscheinlich habe ich den größten Brocken damit bereits hinter mich gebracht, ist es doch das einzige Buch auf meiner Liste, was beinahe 1000 Seiten hat. Dank einer augenschädlichen, aber wesentlich dünneren Ausgabe von Penguin Books waren es bei mir nur 600, das klingt immerhin schon etwas motivierender…😉 Ich habe mich übrigens entschlossen, für die Bücher in meiner Challenge keine Sterne zu vergeben, dies nur als kleine Anmerkung, falls sie jemand vermisst. Allerdings bin sicher, dass man erkennt, ob ich das jeweilige Werk weiterempfehle oder nicht😀

Rebekka „Becky“ Sharp steht auf der gesellschaftlichen Rangliste relativ weit unten: Ihre Mutter ist eine französische Ballerina, ihr Vater ein armer Künstler, sie hat weder Geld noch besondere Fähigkeiten. Doch im Gegensatz zu ihrer gutherzigen, wohlsituierten Freundin Amelia Sedley, mit der sie gemeinsam an Miss Pinkertons Institut lernt, hält sich Becky nicht mit Gewissensbissen auf, um endlich ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Auch Niederlagen können sie nicht erschüttern, im Gegenteil: Sie motivieren Becky, ihre Schmeicheleien und Betörungen zu perfektionieren, um ihren Mitmenschen zu gefallen. So lässt es sich auch erklären, dass die naive, treue Amelia Becky trotz ihres zynischen, berechnenden Charakters mag. Es folgen Irrungen und Wirrungen, schlechte Heiratskandidaten, betrügerische Blender, jammernde Männer, spielende Offiziere, dem Alkohol zugeneigte Politiker.

Getrieben von ihrem Streben nach Anerkennung, Macht und Geld, dem Leben der Schönen, Reichen und ganz schön Reichen trifft Becky eine Vielzahl ungünstiger Entscheidungen – die meisten davon betreffen Männer. Aber auch Amelia, allein völlig lebensunfähig und ahnungslos, verspielt ihre Chancen, setzt auf den falschen Mann und hat auch nach dessen Tod erneut kein Auge für den Richtigen, der sie seit Jahre liebt. Man sieht, warum Thackeray sein Meisterwerk „Vanity Fair: A Novel without a Hero“ nannte. Zwei überspitzt dargestellte Charaktere, die beide auf völlig unterschiedliche Weise unfähig und zum Scheitern verurteilt sind. Mit beiden wird der Leser nicht wirklich warm, denn während man Becky teilweise Bewunderung abringt, aber ihre Skrupellosigkeit schnell abstoßend findet, ist Amelia einfach nur ein Blatt im Wind, immer getrieben von den Aktionen anderer, aus eigener Schuld schwach und hilflos.

Neben seinen Charakterstudien glänzt Thackeray mit seinen Beschreibungen historischer Ereignisse, beispielsweise die Schlacht bei Waterloo, gleichzeitig ein Wendepunkt in der Geschichte um Becky und Amelia. Anders als der große Konkurrent Charles Dickens setzt Thackeray nicht auf Sentimentalitäten, er versucht nicht, seinen Leser zu Tränen zu rühren. Nein, sein Stil ist bissig und von einem gewissen Sarkasmus geprägt, die Schilderungen sind alles andere als schmeichelhaft für die Londoner Haute Volée und machen den Reiz dieses Romans aus. Man kommt, trotz Thackerays Verachtung für Romanhelden, nicht umhin sich zu fragen, ob er nicht insgeheim Becky bewundernswerter fand…aber das muss jeder selbst herausfinden😉

 

2 Antworten to “William Thackeray: Vanity Fair”

  1. Bibliophilin Januar 12, 2011 um 3:53 pm #

    Tolle Rezension, vielen Dank dafür! Ich glaube, ich will es auch lesen! Hast Du das Buch denn auf Englisch gelesen?

    Dein Blog hat übrigens eine schöne neue Gestaltung! Das zarte Rosa gefällt mir sehr gut.

    Liebe Grüße
    Dorota

    • Marie Januar 12, 2011 um 5:16 pm #

      Danke dir, mir war das andere irgendwie zu erschlagend. Und hier sind die einzelnen Postings so schön abgesetzt, ich bin ja ein großer Liebhaber von Symmetrie und so😉

      Ich hab es auf Englisch gelesen, weil ich es mir mal vor Jahren gekauft habe und nie über die ersten Seiten hinausgekommen bin. Ich werde mir jetzt wahrscheinlich den Film mit Reese Witherspoon mal ansehen, das ist sicher eine interessante Ergänzung😉

      Liebe Grüße!

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