Blanca Busquets: Die Woll-Lust der Maria Dolors

13 Jan

„Noch eine, die leiden wird, denkt Dolors nun. Ganz bestimmt, denn wenn Jofre dieser Mònica überdrüssig ist, lässt er sie fallen wie eine heiße Kartoffel, so ist das Leben immer: In den friedlichsten Momenten, wenn man glaubt, ganz in sich zu ruhen, nimmt es plötzlich wieder eine unerwartete Wendung. Dolors lässt ihre Strickarbeit sinken, voll Wut über ihre Schwiegersohn. Unerhört, was sich der da herausnahm!“

Nach einem Schlaganfall lebt Dolors bei ihrer Tochter Leonor, deren Mann Jofre und den Kindern Sandra und Martí. Sie kann nicht mehr sprechen, aber dafür hört sie umso besser. Strickend sitzt sie also Tag für Tag in ihrem Sessel und bekommt als Einzige mit, was sich im Haus abspielt, denn außer Enkel Martì glauben alle, dass Oma sowieso nicht mehr viel kapiert…

Sehr gut gefiel mir in diesem Buch, wie die Autorin Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben hat: Während Dolors beobachtet, erinnert sie sich immer auch an ihr eigenes Leben. Schulzeit, erste Liebe, falsche Entscheidungen. Das vermittelt ein anschauliches Bild der Person, die nun stumm, aber mit messerscharfem Verstand die Probleme ihrer Familie wahrnimmt und analysiert. Sie kennt jedes Geräusch in der Wohnung, hört jeden gefallenen Satz, sieht jeden verstohlenen Gesichtsausdruck – vor Dolors kann man nichts verheimlichen. Eine völlig neue Perspektive, um eine Geschichte zu erzählen.

Leider hat die Autorin versucht, möglichst viele dramatische Begebenheiten einzubauen. Von Magersucht über Kinderpornographie, diverse Seitensprünge und plötzlich entdeckte Homosexualität bis hin zu Mord kommt auf gerade einmal 280 Seiten wirklich alles vor, was denkbar ist. Das hat mit dem wahren Leben nicht mehr viel zu tun, sondern entspricht eher dem, was im Vorabendprogramm von ARD und RTL läuft. All diese Geheimnisse wären genug Stoff für drei Jahre „Verbotene Liebe“, aber für ein Buch ist das einfach zuviel. Es scheint so, als habe Blanca Busquets jedes denkbare Desaster auftauchen lassen, um Dolors über ihre Reaktionen zu charakterisieren. Das ist schade, denn sprachlich war es wirklich ein Vergnügen, die Protagonistin zu begleiten. Die Erzählung ist sehr lebendig und stringent, lediglich an die abrupten Vergangenheitssprünge der Oma muss man sich doch etwas gewöhnen.

Alles in allem ein Roman, der leider nach den ersten 100 Seiten durch diese Problemkumulation sehr an Charme verlor, aber trotzdem Spaß gemacht hat.

 

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