Chris Cleave: Little Bee

25 Jan

„Ich bin überhaupt nur deshalb am Leben, weil ich das Englisch der Königin gelernt habe. Vielleicht meint ihr, das sei gar nicht so schwer. Immerhin ist Englisch die Amtssprache meines Heimatlandes Nigeria. Das stimmt schon, das Problem ist nur, dass wir es bei uns zu Hause so viel besser sprachen als ihr. Das Englisch der Königin zu lernen ist so, als würde man am Morgen nach einem Tanz den leuchtend roten Lack von den Zehennägeln schrubben. Es dauert lange, und am Ende bleibt immer ein bisschen übrig, ein roter Rand, der einen an den Spaß erinnert, den man hatte.“

Chris Cleave erzählt die Geschichten von Little Bee, einer 16-jährigen Immigrantin, und Sarah O’Rourke, einer erfolgreichen Journalistin. Beide begegneten sich vor einiger Zeit in Nigera. Nach zwei Jahren im Abschiebegefängnis wird das nigerianische Mädchen schließlich entlassen und ruft zuerst Sarahs Ehemann Andrew an. Das hat fatale Folgen: Wenige Tage, bevor Little Bee vor dem Haus der beiden steht,  bringt sich der von Depressionen gequälte Redakteur um.

„Little Bee“ ist kein leichtes Buch, auch wenn es sich sprachlich wunderbar lesen lässt. Abwechselnd berichten Sarah und Little Bee. Beide gewähren dem Leser einen völlig anderen Blick auf eine Welt, die oft verstörend und ungerecht, aber auch schön und spannend ist. Mit Verwunderung analysiert sie, was ihr in England begegnet. Es macht betroffen zu lesen, wie dieses Mädchen mit der Verachtung, dem Gefühl des Störfaktors umgeht, wie sie trotz allem freundlich und liebenswert bleibt, ihren Humor nicht verliert. Durch ihre prüfenden Augen betrachtet scheinen einem Sarahs europäische Vorstellungen und Werte, die uns allen eigentlich näher sind, plötzlich fremd und fragwürdig.

„Little Bee“ ist keine Moralkeule, stellt aber jeden Leser vor schwierige Fragen, die man sich nur selbst beantworten kann. Es zeigt, dass Menschlichkeit und richtiges Handeln oft aus zwei verschiedenen Perspektiven etwas völlig anderes bedeuten können – und dass es nicht so einfach ist zu entscheiden, welche davon nun richtiger ist. Ein Buch, das lange im Gedächtnis bleibt und bewegt, aber oft auch schwierig ist.

Übrigens: Der Autor hatte sich zur Veröffentlichung gewünscht, den Inhalt nahezu völlig geheim zu halten. Wenn man es gelesen hat, versteht man, warum. Jedes Wort zuviel würde einem die Möglichkeit geben, die sich langsam entfaltende Geschichte selbst zu entdecken. Und das sollte man auf jeden Fall.

2 Antworten to “Chris Cleave: Little Bee”

  1. Charlene Januar 26, 2011 um 7:38 am #

    Anscheinend komme ich um dieses Buch nicht herum. So viele tolle rezensionen machen einfach neugierig.

  2. Ada Mitsou Februar 12, 2011 um 4:03 pm #

    Darüber habe ich schon so viel Gutes gehört und deine Besprechung macht meine Neugier noch ein bisschen größer!
    Liebe Grüße,
    Ada

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