Aravind Adiga: Der weiße Tiger

2 Feb

„Wenn Sie meine Geschichte gehört haben – wie ich nach Bangalore gekommen bin und dort einer der erfolgreichsten (wenn auch am wenigsten bekannten) Geschäftsleute geworden bin -, dann wissen Sie alles, was Sie über das Entstehen, Fördern und Entwickeln von Unternehmergeist in diesem glorreichen 21. Jahrhundert des Menschengeschlechts wissen müssen.“

Indische Literatur ist oft, wie auch die Bollywood-Filme, äußerst farbenprächtig und vor allem langatmig. Spätestens nach Rohinton Mistry großartigem „Das Gleichgewicht der Welt“ weiß man, wie lang ein Buch werden kann, ohne ermüdend zu sein oder an Spannung zu verlieren. Umso überraschender war für mich, dass „Der weiße Tiger“ gerade einmal 300 Seiten hat und in einem völlig untypischen Stil daherkommt – die ganze Geschichte wird in Form von eMails erzählt.

Balram Hawai wächst in einem kleinen, abgelegenen Dorf im Bezirk Gaya auf. Die Menschen, die dort leben, halten sich mit Landwirtschaft über Wasser, haben keinen Strom, keine ärztliche Versorgung und oft zu wenig zu essen. Da seine Eltern Schulden haben, können sie dem kleinen Balram bald die Schule nicht mehr finanzieren und schicken ihn zum Arbeiten.

So miserabel das Leben für den Jungen auch ist: Er hat einen Traum, der ihn durchhalten lässt. So arbeitet sich Balram nach oben, vom unbedeutenden Chauffeur eines reichen Mannes bis zum reichen Geschäftsmann, der, wie so viele Inder, sich im Strudel von Macht und Korruption zu verlieren droht. Der Weg dahin ist steinig und gepflastert mit wenig ehrenwerten Tätigkeiten – aber mit etwas Geld scheint sich jedes Problem lösen zu lassen.

Der Autor zeichnet in diesem Roman ein faszinierendes, aber auch sehr bedrückendes Bild Indiens. Unwillkürlich kommt aber auch die Frage auf, inwiefern jemand, der so privilegiert aufgewachsen ist, authentisch von den Abgründen der Armut erzählen kann. Mir fiel Aravind Adiga eigentlich nur auf, weil er nach dem ersten großen Erfolg dieses Buches, auf für meine Begriffe reichlich arroganter Weise, verkündete, er werde auf keinen Fall Lesungen in Deutschland abhalten – schließlich habe die Bundesrepublik schon seit Jahrzehnten keinerlei Bedeutung mehr für Interlektuelle und literarisch nichts vorzuweisen. Dafür bereiste er die Niederlande sehr ausgedehnt… Davon kann man jetzt halten, was man möchte, aber angesichts solcher Äußerungen schwand bei mir etwas die Vorfreude auf das Buch.

Das Ergebnis ist in meinen Augen eine Mischung aus „Slumdog Millionaire“, „Das Gleichgewicht der Welt“ und ein bisschen Bollywood – erprobte Konzepte, die funktionieren, aber nichts Neues. Und vielleicht liegt es auch tatsächlich an den gelesenen Interviews mit dem Autor selbst, dass mir Balram nicht sympathisch wurde. Armut hin oder her, fehlende Moral und Straftaten ungeheuren Ausmaßes kann man damit nicht rechtfertigen. Mir gefällt das Schema nicht, in das Adiga seinen Protagonisten mit Gewalt pressen will: Der arme Junge, der einfach nicht anders kann, dessen Traum und seine Herkunft einfach alles rechtfertigen. Sicherlich betont der Autor, welchen Preis Balram für all das zahlen muss, aber man hat permanent das Gefühl, es täte Adiga leid. Insofern kann ich die Lobeshymnen auf dieses Buch nur bedingt teilen – es ist auf jeden Fall eine interessante Lektüre, aber mit Sicherheit nichts Revoultionäres.

2 Antworten to “Aravind Adiga: Der weiße Tiger”

  1. Stephanie Februar 3, 2011 um 10:47 am #

    Ach, wie schade. Dabei hat sich die Kurzbeschreibung auf der Rückseite des Buches so vielversprechend angehört und auch das Cover ist sehr schön aufgemacht. Aber der erste Eindruck ist eben nicht immer richtig.
    „Das Gleichgewicht der Welt“ hab ich bisher noch nicht gelesen, aber schon viel positives davon gehört und gelesen. Scheint, dass ich mir die Sache mal näher anschauen muss.
    Insgesamt hört sich die Geschichte des „weißen Tigers“ dann doch sehr alltäglich und träge an. Ich glaube, da verzichte ich dann einfach mal.

    Eine schöne Woche noch, vlg Steffi

  2. Marie Februar 5, 2011 um 9:28 pm #

    Hi, das ist ja alles Geschmacksache. Mir persönlich gefiel es einfach nicht, vielleicht auch, weil es so gehypt wird / wurde und der Autor auch recht arrogant herüberkommt – in meinen Augen ist das halt alles schon mal dagewesen, von daher teile ich die Euphorie nicht. Aber es gibt garantiert genug Leute, die das Buch super finden😀

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