Cornelia Read: Es wartet der Tod

5 Feb

„Durch die Glastür sah ich, wie Santangelo den Flur herunterkam, der Mund ein grimmiger Strich im schwarzen Nest seines Spitzbarts. Er sah aus wie das Phantom der Opfer: Er trug ein Cape und ein bauschiges Piratenhemd, das weit genug aufgeknöpft war, um den schwarzen Pelz zu entblöden, der zwischen seinen schlappen Brustmuskeln spross.“

Man schreibt das Jahr 1989: Madeline Dare landet nach einem unglücklichen Zwischenfall an der seltsamen Santangelo-Academy in den Bergen von Massachussetts. Nicht etwa, weil sie die Erziehungsmethoden dieses Internats für schwer erziehbare und psychisch gestörte Jugendliche so brillant findet, sondern weil sie ganz dringend einen Job braucht. Als zwei Teenager sterben und die Schule es als vorhersehbaren Selbstmord verkaufen will, macht sie sich auf die Suche nach der Wahrheit…

Vom ersten Tag an findet Madeline die Schule von David Santangelo suspekt: die Atmosphäre ist angespannt, die Schüler müssen teilweise im Straflager schuften und werden mit Medikamenten ruhig gestellt, die Kollegen zeigen sich gegenseitig und auch selbst an, wenn sie die auferlegten Regeln des Schulleiters nicht einhalten. Um ein leuchtendes Vorbild für die Schüler zu sein, dürfen Lehrer keinen Kaffee trinken, nicht rauchen und sollen am Besten auf dem Schulgelände wohnen, um überprüfbar zu bleiben. Trotzdem zahlen verzweifelte Eltern Unsummen, damit ihre Kinder dort aufgenommen werden – in der Hoffnung, dass ihnen endlich geholfen wird.

Am liebsten würde Madeline sofort wieder flüchten, bleibt aber um der Schüler willen. Sie lässt unzählige Therapiesitzungen mit der schuleigenen Psychiaterin über sich ergehen, schlägt sich mit hinterhältigen Kollegen herum und hat als einzige Verbündete  Lulu, die Santangelos Methoden ebenfalls sehr fragwürdig findet. Auf einer Party sterben schließlich zwei der Schüler, Fay und Mooney, an einer Zyanidvergiftung, nur Stunden, nachdem sie mit Madeline sprachen und einen Termin für den nächsten Tag ausmachten, um mit ihrer Hilfe endlich das Internat zu verlassen. Als die junge Lehrerin der Polizei gegenüber ihre Theorie äußert, dauert es keine 24 Stunden, bis sie plötzlich selbst in Untersuchungshaft sitzt – wer will ihr diesen Mord in die Schuhe schieben?

„Es wartet der Tod“ beginnt sehr langsam; erst nach der Hälfte des Buches ereignet sich das Unglück. Der erste Teil beschreibt ausführlich Madelines Leben, Lehrer und Schüler sowie das Umfeld. Wer einen rasanten Krimi oder Thriller erwartet, dürfte in dieser Hinsicht enttäuscht werden. Mir gefiel der Aufbau recht gut, es war zu keinem Zeitpunkt langweilig. Die Charaktere bleiben teilweise etwas schemenhaft, was vermutlich aber so gewollt ist, um die seltsame Atmosphäre zu unterstreichen. Es erinnerte mich an den Slogan eines Spiels: „Nachts sind alle Agenten grau und keiner wird aus keinem schlau.“ So in etwa kann man es sich vorstellen, wenn Lulu und Madeline losziehen, um den Mörder zu fangen – ist der verschlossene Kollege vielleicht in Wirklichkeit ein Psychopath? Oder meuchelt die nervige Psychiaterin? Möglicherweise auch der bizarre Schulleiter? Wer weiß…

Zugegeben, ab einem gewissen Punkt ahnt man, wer der Täter ist. Die Auflösung kam für meine Begriffe dann auch etwas überstürzt – gerade misstrauten sich alle noch gegenseitig, plötzlich arbeiten sie von 0 auf 100 zusammen? Das erschien mir etwas unlogisch, konnte aber den Lesespaß nicht trüben. Besonders die Protagonistin gefiel mir ausnehmend gut; sarkastisch und kühl zieht sie durch die Gegend, ohne dem leider mittlerweile oft vorherrschenden Typus der Superfrau zum Opfer zu fallen. Ein Krimi der etwas anderen Art, der den Leser wunderbar unterhält, ein interessantes Hintergrundthema hat und eine gelungene Mischung aus Erzählender Literatur und Spannung ist.

 

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