David Abbott: Die späte Ernte des Henry Cage

15 Mrz

„Der Hörer fiel ihm aus der Hand und knallte auf die Steinplatte. Er hob ihn auf, aber die Leitung war tot. Als sein Sohn zwanzig Minuten später mit Beth eintraf (so lange brauchte man, um gemächlich von einem Haus zum anderen zu fahren), fand er seinen Vater auf dem Küchenboden sitzend vor, wie er das kaputte Telefon in den Händen wiegte und leise weinte.“

Henry Cage, Star der Werbebranche, geht endlich in den, wie alle Kollegen nicht müde werden zu betonen, wohlverdienten Ruhestand. Trotz seines oberflächlich erfolgreichen Lebens merkt Henry erst jetzt, wie einsam er wirklich ist.

Mit über 70 schrieb David Abbott „Die späte Ernte des Henry Cage“, das erste Buch des großen Werbefachmanns, der Abbott Mead Vickers gründete und zu dessen Kunden Volvo und Ikea gehörten. Die Parallelen zu seiner Hauptfigur sind deutlich; auch Henry Cage hat eine ungeheur erfolgreiche Agentur aufgebaut und verlässt sie als reicher, geachteter Mann, den jeder für seine Prinzipien bewundert. Schnell merkt er, dass der Ruhestand eher ein Alptraum ist: Er sitzt in seinem großen Haus, hört Jazz und grübelt.

Abgesehen von seinem beruflichen Erfolg sieht es recht düster aus in Henrys Leben. Mit seinem Sohn hat er sich zerstritten, von Ehefrau Nessa lebt er getrennt. Diese bittet ihn eines Tages, zu ihr nach Palm Beach zu kommen, um etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen. Henry wird klar, dass ihm kaum noch Zeit bleibt, die Fehler der Vergangenheit zu bereinigen. Erntet er jetzt, was er selbst gesät hat? Kann er noch tiefer fallen? Und gibt es irgendetwas, das ihn und sein Leben zu retten vermag?

„Die späte Ernte des Henry Cage“ ist ein sehr nachdenklicher, ergreifender Roman. Man leidet mit Henry, der plötzlich ins Bodenlose fällt, dessen Leben außerhalb der Agentur von Zögerlichkeit geprägt ist, der immer zu spät erkennt, vieles versäumt und erst am Tiefpunkt überhaupt begreift, was er einmal hatte. David Abbott schreibt wunderbar ungekünstelt und trotzdem rührend. Es ist kein sentimentales Rührstück, keine dramatische Schmonzette, sondern ein Blick in die Welt eines Mannes, der plötzlich seine Entscheidungen überdenken muss. Ein grandioses Debüt.

 

3 Antworten to “David Abbott: Die späte Ernte des Henry Cage”

  1. Bibliophilin März 19, 2011 um 8:22 am #

    Eine schöne Rezension, liebe Marie.
    Meine geht auch nächste Woche online. Ich freue mich, dass Dir das Buch auch so gut gefallen hat wie mir. Ich wünsche ihm viele Leser!
    Ein schönes Wochenende
    Dorota

  2. Ada Mitsou März 19, 2011 um 5:54 pm #

    Das liest sich sehr interessant… irgendwie ruhig und nachdenklich und es könnte meinen Geschmack treffen.
    Lieben Dank!

  3. Peter Torberg November 4, 2011 um 6:23 pm #

    Vielen Dank für das Kompliment!

    „David Abbott schreibt wunderbar ungekünstelt und trotzdem rührend.“

    Aber mal ganz ehrlich: Das Buch, das Sie gelesen haben, war doch auf Deutsch, richtig? ICH habe es geschrieben, ich bin der Übersetzer. Jedes Wort darin stammt von mir. Meine Kollegen und ich bringen Ihnen die Weltliteratur ins Haus, das darf durchaus erwähnt sein Und sei es nur durch die Namensnennung …

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