Holger Noltze: Die Leichtigkeitslüge

20 Nov

„Um es noch einmal zugespitzt zu formulieren: Wir befinden uns, was Verständnis und Aufnahmefähigkeit für Kunst und Kultur angeht, in einer Verblödungsspirale, die mit dem Versagen des Bildungssystems, spezifischen Funktions- und Wirkungsweisen der Massenmedien und der fortschreitenden Ökonomisierung der Gesellschaft zu tun hat.“

Kultur muss wehtun dürfen – das ist, Professor Holger Noltze zufolge, die Grundaussage seines Essays. Fakt ist: Anspruchsvolle Musik ist kaum noch gefragt. Zu Weihnachten verschlägt es den einen oder anderen Kulturinteressierten in eine Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium, die Bayreuther Festspiele sind mittlerweile eher ein Showlaufen als Freude an der Oper selbst. Im Zeitalter von „Deutschland sucht den Superstar“ und Entspannungsmusik von Richard Clayderman seien die Ansprüche des Publikums mittlerweile so niedrig, dass kaum jemand sich freiwillig noch mit ernster Musik beschäftigen wolle. Dem seichten Appetithäppchen, wie beispielsweise die von 3sat und ZDF Klassik ausgestrahlte Sendung „Die schönsten Opern aller Zeiten“, folgt selten die wirklich Auseinandersetzung mit dem Werk. Vielmehr genießt der Zuschauer einige kurze Ausschnitte, erfreut sich an wohlgefälligen Harmonien – mehr jedoch nicht.

Aber nicht nur die Medien, so Noltze, sondern allen voran die Bildungsstätten und Kulturbetriebe selbst sind für den schwindenden Anspruch verantwortlich. In Schulen fällt mittlerweile nahezu jede zweite Musikstunde aus, schließlich scheint dieses ein noch relativ gut zu entbehrendes Fach zu sein. Lehrer vermitteln nur noch den notwendigen Standard, meiden Werke, die zu schwierig, zu ernst anmuten.

Die Kulturbetriebe hingegen setzen hauptsächlich auf Quote: Was nicht beliebt und gefragt ist, wird nicht gespielt. Die gängige Antwort, man müsse in Zeiten knapper Budgets eben kleinere Brötchen backen und das Stammpublikum durch beliebte Inszenierungen bei der Stange halten, lässt Noltze so nicht gelten. Auf die Art und Weise werde der Zuschauer nie mit Herausforderungen konfrontiert, das Niveau steigere sich nicht. Was als „Schwellenabbau“ deklariert werde, ein leichter Einstieg in die Welt der anspruchsvollen Musik, ist im Endeffekt alles, was angeboten wird. Hintergründe zu den Werken, die wirklich Beschäftigung mit Inhalten, sei nicht gefragt.

Noltz‘ Buch fordert den Leser heraus, sich nicht mit der seichten Auswahl der „schönsten Melodien zum Träumen“ zufrieden zu geben. Er verschweigt nicht, dass die Beschäftigung mit Kunst auch Arbeit ist, betont, wie wichtig die Fähigkeit, Komplexität zu hinterfragen und Schwieriges auszuhalten, ist. Und so ist auch ein Essay nicht leicht zu konsumieren, sondern bedarf eines längeren Atems. Am Ende möchte man sich gerne sofort ein klassisches Werk ausleihen und darüber debattieren – auch Laien, betont der Autor, dürften schließlich eine Meinung haben. Ein herausforderndes Buch, das nicht umsonst in Kulturkreisen teilweise auf wenig Begeisterung stieß und manch interessanten Gedankenanstoß liefert.

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