Laurence Gonzales: Lucy

11 Dez

„Am nächsten Morgen hörten sie den Hubschrauber schon lange, bevor sie ihn sahen. Er kam dröhnend herangeflogen und kreiste ein paarmal über ihnen, ehe er auf einer nahe gelegenen Lichtung landete. Das ganze Dorf kam angerannt, um die Maschine in Augenschein zu nehmen. Vier Stunden später landeten sie auf dem Flughafen von Kinshasa. Und nach einer weiteren Stunde saßen sie in einem Büro der Botschaft und sahen zu, wie David Meece in aller Eile seine Sachen zusammenpackte.“

Die junge Amerikanerin Jenny Lowe reist in den Kongo, um Bonobo-Affen zu beobachten. Als eine Welle des Bürgerkrieges über sie hereinbricht, kann sie gerade noch mit Lucy Stone, der Tochter eines getöteten Kollegen, fliehen. Sie nimmt das junge Mädchen mit nach Amerika, wo für sie ein scheinbar normales Leben beginnt: Lucy geht zur Schule, lernt neue Menschen kennen, findet Freunde. Sonderbare Eigenschaften, wie beispielsweise die unnatürliche Kraft Lucys, negiert Jenny oder sucht nach einfachen Antworten, bis sie in Doktor Stones Tagebüchern die schockierende Wahrheit entdeckt: Lucy ist ein Hybrid, ihre Mutter ist ein Bonobo. Was die geschockte Jenny anfangs noch verbergen kann, erfährt schließlich die ganze Welt, als Lucy an einem Virus erkrankt, das nur Tiere bekommen können…

Es ist eine ganz und gar unglaubliche Geschichte, die Laurence Gonzales geschrieben hat. Sie ist gut recherchiert, driftet also nicht in die Kategorie „Märchen“ ab. Das Thema an sich ist sehr spannend, insbesondere die Auseinandersetzung mit der Frage, ab wann ein Mensch nun Mensch ist, wer darüber entscheidet und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Eine tiefgründigere Auseinandersetzung findet aber leider nicht wirklich statt – Gonzales packt zwar mehrere dramatische Szenarien hinein, von religiösen Fanatikern bis hin zu politischen Drahtziehern, beleuchtet aber deren Motive und Mittel nur unzureichend. Dadurch ist man schnell bei einer simplen „gut“ und „böse“ Darstellung.

Wenig überzeugend fand ich die Charaktere, insbesondere Lucys neue Freundin Amanda scheint hauptsächlich Mittel zum Zweck. Bezeichned dafür ist ihre Reaktion, als sie von Lucys Geheimnis erfährt – es hat keinerlei Auswirkungen, abgesehen von kurzem Schock, der nach ein paar Minuten überwunden ist. Sicherlich sind Teenager in der Hinsicht oft etwas uninteressierter als Erwachsene, aber wenn die beste Freundin zur Hälfte ein Affe ist, rechnet man zumindest mit Verwunderung.

Alles in allem ist mir persönlich „Lucy“ zu flach gehalten; aus dieser Geschichte hätte man einfach mehr machen können. Die Dialoge wirken hölzern, die Zeitsprünge innerhalb der Kapitel nicht sehr sinnvoll. Schade, das Thema an sich ist wirklich sehr spannend.

Eine Antwort to “Laurence Gonzales: Lucy”

  1. Ailis Januar 3, 2012 um 11:03 am #

    „[…] aber wenn die beste Freundin zur Hälfte ein Affe ist, rechnet man zumindest mit Verwunderung.“ – Sehr schön!😀
    Ich glaube, dieses Buch wäre mir schlichtweg zu seltsam, mit solchen Themen kann ich irgendwie nichts anfangen.

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